Die ersten beiden Zeilen dieses Anfang August 1943 geschriebenen Gedichtes (…so bin ich um den Schlaf gebracht) werden von allen, die nicht weiterlesen, als Kritik und Leiden Heines an Deutschland gedacht. Das ist nicht zutreffend. Hier leidet Heine daran, dass er – seit 1831 in Paris lebend – die geliebte Mutter nicht mehr gesehen hat. In einem Brief vom 18. September schreibt er ihr, dass er sie besuchen wolle: „Und Du, alte süße Katze, wie geht es Dir? Wenn du stirbst, eh ich dich wiedersehe, schieß ich mich tot…. Merke dir das und du wirst keine solche Niederträchtigkeit begehen.“[1] Das Vaterland macht Heine in dem Gedicht keine Sorgen aber das Alter der Mutter treibt ihn um:
„Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land;
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd ich es immer wiederfinden.
Nach Deutschland lechzt‘ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.“[2]
Wie sehr Heine an seiner Mutter hing, geht u.a. deutlich aus seinen Memoiren hervor. Die am 27. September 1770 geborenen Arzttochter stammte aus einer angesehenen akademischen Familie. Peira Zipa van Geldern nannte sich nach ihrer Hochzeit mit Salomon Heine, die sie gegen die Rabbiner mithilfe des Stadtkommandanten durchgesetzt hatte, Betty Heine. Sie fühlte sich als Deutsche im kulturellen Sinn der Goethezeit. Sprach französisch und englisch und verstand Latein. Als dominantes Familienoberhaupt versuchte sie durchzusetzen, dass ihr Sohn wie sein reicher Onkel Salomon in Hamburg Kaufmann wurde. Als dies nicht zu realisieren war, sollte er Jurist werden. Der Onkel finanzierte das Studium und Heine machte sogar den zweifachen Doktor der Rechte. Jurist aber wollte er nicht werden. Entgegen den Absichten der Mutter wurde er Schriftsteller. Einer der ersten, die von diesem Beruf tatsächlich leben konnte. Seine Mutter jedoch hat er sein Leben lang geliebt und verehrt. Deutlich spricht hierfür u.a. das Sonett »An meine Mutter, B. Heine, geborne v. Geldern«[3].
Julius Campe, Heines Verleger, hatte diesen immer wieder aufgefordert nach Deutschland zu kommen und sich die Verhältnisse dort anzusehen. Dies und die Sorgen um die Mutter ließen Heine dann Ende Oktober auf Reisen gehen. Das Resultat dieser Reise ist das im Januar 1844 geschriebene berühmte Gedicht »Deutschland. Ein Wintermärchen«.[4]
Im Vorwort zum Einzeldruck des Gedichtes hieß es: „Das nachstehende Gedicht schrieb ich im diesjährigen Monat Januar zu Paris, und die freie Luft des Ortes wehete in manche Strophe weit schärfer hinein, als mir eigentlich lieb war. Ich unterließ nicht, schon gleich zu mildern und auszuscheiden, was mit dem deutschen Klima unverträglich schien. Nichtsdestoweniger, als ich das Manuskript im Monat März an meinen Verleger nach Hamburg schickte, wurden mir noch mannigfache Bedenklichkeiten in Erwägung gestellt. Ich mußte mich dem fatalen Geschäfte des Umarbeitens nochmals unterziehen, und da mag es wohl geschehen sein, daß die ernsten Töne mehr als nötig abgedämpft oder von den Schellen des Humors gar zu heiter überklingelt wurden.“[5]
Nach der Veröffentlichung der »Winterreise« konnte Heine es nicht noch einmal wagen, per Post und Bahn durch Deutschland zu reisen. Die Zensoren hatten sich sein Werk erneut vorgenommen und wegen des Gedichts über den König Ludwig und der Mitarbeit an den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern«[6] war gegen Heine, Karl Marx und Arnold Ruge ein kollektiver Haftbefehl durch die preußische Regierung erlassen worden. In seinem Buch »Der Weg Heinrich Heines«[7] geht Hans Mayer auf die Situation Heines zu Beginn des Jahres 1844 genauer ein. Er wird von dem jungen Dr. Karl Marx besucht, der Heine seit ihrer Begegnung Ende 1843 aber auch schon durch die Lektüre seiner bereits erschienenen Bücher wertschätzte. Bei der zweiten und letzten Hamburgreise Heines reiste dieser mit seiner Frau Mathilde per Schiff nach Hamburg. Heine musste sich um seine Verlagsgeschäfte im Zusammenhang mit der Herausgabe des Buches »Neue Gedichte kümmern« belastet wird er dabei durch sein fatales Augenleiden. Um seine Frau kann er sich nicht ausreichend kümmern und die reist dann früher als er zurück nach Paris. Mehr als ihm lieb ist wird er in Hamburg als Pariser Radikaler gefeiert. In einem Brief an Marx vom 18. September 1844 teilt er diesem mit, dass sein Buch gedruckt ist. Das »Wintermärchen« steht dort am Ende. Er bittet den als „liebster Marx“ angeredeten Freund ihm geeignet erscheinende Gedichte und auch Auszüge aus dem »Wintermärchen« im »Pariser Vorwärts!« abzudrucken gern auch mit geeignet erscheinenden Worten zur Einleitung.[8] Den Brief, in dem er auch genaue Hinweise für zusammenhängende Verse des Gedichts gibt, schließt er mit den Worten „Herzinnigst H. Heine“.[9] Vergleicht man den Text des Gedichtes und Marxens Betrachtungen über die »Deutsche Ideologie«, so kann man verblüffende Kongruenzen der beiden Linksheglianer feststellen. Mayer stellt fest: „In »Deutschland. Ein Wintermärchen« ist Heine ganz nah den damaligen Aussagen des jungen Marx und damit des späteren Marxismus. Später, in der Matratzengruft, kommt er zurück auf jene für ihn so eindrucksvolle wie zwiespältige Begegnung mit jenem anderen deutschen Juden aus dem Rheinland. In seinem Buch »Lutetia« reflektiert er das damalige Denken erneut. Inzwischen hat es erneut eine gescheiterte Revolution gegeben in den Jahren 1848 und 1849. Eine Aussage des jungen Karl Marx aus jenem Band der »Deutsch-französischen Jahrbücher« war abermals bestätigt worden. Die Deutschen hätten, so Marx, niemals die Revolution anderer Völker geteilt, wohl aber stets die darauffolgenden Restaurationen.“[10] Resümierend stellt Hans Mayer fest: „Heinrich Heine hat die Wandlungen der Europäischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einer Hellsicht gedeutet, die immer wieder staunen macht. Viele seiner Gedichte wirken auch heute noch als unsere Zeitgedichte.“[11]
Ein zentraler Text in Mayers Heine-Buch ist der Artikel „Heinrich Heine und die deutsche Ideologie“, das Deutschland-Projekt[12] in Heines Schaffen. Dieses projektierte Buch „intendierte nichts Geringeres als die Weiterführung eines Bewußtseinsprozesses über Hegel hinaus. Aber verstanden als Entwicklung von materialen Gegebenheiten: Deutschland und Frankreich.“[13] Es geht um die Französische Revolution und die deutsche Ideologie. Einen ersten Ansatzpunkt hierzu liefert das Caput VI des »Wintermärchens«.
„Ich selbst, wenn ich am Schreibtisch saß
Des Nachts, hab ich gesehen
Zuweilen einen vermummten Gast
Unheimlich hinter mir stehen.
… (der sagt)
Ich bin von praktischer Natur,
Und immer schweigsam und ruhig.
Doch wisse: was du ersonnen im Geist,
Das führ ich aus, das tu ich.“[14]
Heine verstand sich als Denker einer Revolution, die noch bevorsteht. Die Tat zum revolutionären Gedanken steht in Deutschland noch aus. „Ausführlicher kommt Heine auf die Beziehung zwischen Gedanken und Tat in Deutschland, und auf die Ungleichmäßigkeiten französischer und deutscher Entwicklungen, zu sprechen am Schluss des Zweiten Buches über die »Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland«.[15] In seinem Buch »Heine und der Kommunismus« hat Leo Kreutzer, Ehrenmitglied der Hans-Mayer-Gesellschaft, belegt, dass Heines Auffassung von der Revolution durch die Begegnung mit den Schülern Babeufs und Weitling bestimmt wurde. … „alle politischen und literarischen Fehden, in die der Revolutionsmann Heine…verwickelt wurde, hängen damit zusammen, daß Heine stets für sich das Voltairische in Anspruch nimmt, das Kluge und Gewandte, Heiterkeit und Geschmeidigkeit… stets das Robespierresche bekämpfte, den >Rousseauischen Rigorismus<.“[16]
In seinem Essay »Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland[17]« schildert Habermas die radikal aufklärerische Rolle Heines als erstem europäischen Intellektuellen. „Die hedonistische Demokratie, die Heine gegen die Puritaner einer auf Kosten der Schönheit betriebenen Revolution verteidigt, ist gezeichnet durch einen überschwänglichen Materialismus des Glücks: »Ihr verlangt einfache Trachten, enthaltsame Sitten und ungewürzte Genüsse; wir hingegen verlangen Nektar und Ambrosia, kostbare Wohlgerüche, Wollust und Pracht, lachenden Nymphentanz, Musik und Komödien – Seid deshalb nicht ungehalten, Ihr tugendhaften Republikaner!« (Zur Geschichte der Religion in Deutschland, HB: DHA, Bd. 8/1, S. 61)
„Denk ich an Deutschland in der Nacht“, natürlich schwingt da auch das Nachdenken über Deutschland mit. Im Deutschlandfunk gibt es unter diesem Titel eine wöchentliche Sendereihe. Die Sendungen werden sonn- und feiertags um 8:20 Uhr ausgestrahlt. Darin kommen Prominente aus ganz unterschiedlichen Bereichen zu Wort, Künstler, Intellektuelle, Wissenschaftler oder Politiker. Sie geben in kurzen Aussagen Auskunft über ihre persönlichen Erfahrungen mit und Beziehungen zu diesem Land, formulieren ihre Kritik und ihre Visionen. Diese Aussagen werden in den Kontext dazu inhaltlich passender Musikausschnitte unterschiedlichen Genres oder Audio-Ausschnitte zum Beispiel aus Filmen gestellt.
Die Sendereihe wurde im Jahr 2006 aus Anlass des 150. Todestages Heinrich Heines initiiert. Sendetermin der ersten Sendung war der 12. Februar 2006, mit dem Schriftsteller Dieter Wellershof.[18]
Zum 170. Todestag von Heinrich Heine sendete der WDR am 17. Februar einen Beitrag (WDR-Zeitzeichen. 17.02.2026. 14:45 Min.. Verfügbar bis 18.02.2099. WDR 5). Ansonsten war die Resonanz eher gering.
Ein Stein des Anstoßes wurde Heine allerdings vor kurzem in der Sendung von Sandra Maischberger als diese ihre beiden Gesprächspartner Tino Chrupalla (AfD) und Marco Buschmann (FDP) nach ihrem Lieblingsgedicht befragte.[19] Da kam Chrupalla mehr als ins Schwimmen. Gerade weil Heine als Europäer den Nationalismus verpönte. Dies merkt ein Kommentator der Sendung mit einem schönen Heine-Zitat an: „Fatal ist mir das Lumpenpack,/das, um die Herzen zu rühren,/den Patriotismus trägt zur Schau/mit allen seinen Geschwüren.“[20]
Im Jahr 1991 war Hans Mayer gebeten worden, als Laudator eine Rede auf den Heinrich-Heine Preisträger der Stadt Düsseldorf zu halten. Damals war es Richard von Weizäcker[21] Mayer hielt seine Rede für Heinrich Heine und Richard von Weizäcker. Für ihn kam es darauf an, einen Menschen zu ehren, der es wie Heinrich Heine durch sein Leben und Wirken bewiesen hatte, dass er die Widersprüche seiner und der allgemeinen Existenz erkennt, sich nichts vormacht und in ihnen zu wirken sucht. Von Weizsäcker sah er mit seinem Lebensweg als eine solche Person an und bezog sich explizit auf dessen berühmte Rede vom 8. Mai 1985.
„An jenem Tage, am 8. Mai 1985, kam etwas in vollendeter Form »zur Sprache«, was wir oft in den Tagen unseres Exils erhofft hatten, womit wir ebenso oft auch getäuscht wurden, aber was es nach wie vor gibt, und zwar als Mehrheit der Deutschen. An diesem Tage sprach Richard von Weizäcker und mit ihm sprach
Das Andere Deutschland.[22]
Heinrich Bleicher
[*] Die Heine-Zitate in diesem Artikel werden nach der Ausgabe Heinrich Heine, Düsseldorfer Ausgabe. Hg. Von Manfred Windfuhr, Hamburg 1973ff (DHA) zitiert. Sie sind damit für die Lesenden, gleich welche anderen Ausgaben sie besitzen, über das Netz lesbar: http://www.hhp.uni-trier.de/
Das Gedicht Nachtgedanken findet sich in DHA, Bd.2, S. 129 http://www.hhp.uni-trier.de/Projekte/HHP/Projekte/HHP/werke/gedliste/E/index_html?widthgiven=30&pageid=D02S0129 (Zugriff am 17.2.2026)
[1] HSA, Bd. 22, S. 67 http://www.hhp.uni-trier.de/Projekte/HHP/briefe/06briefdatenbank/tabelle/chronologisch/index_html?widthgiven=30&letterid=W22B0952&lineref=0&mode=1 (Zugriff am 17.2.2026)
[2] DHA, Bd.2, S. 129 http://www.hhp.uni-trier.de/Projekte/HHP/Projekte/HHP/werke/baende/D04/index_html?widthgiven=30
[3] DHA Bd. 1/1, S. 117
[4] DHA Bd. 4. S.89ff http://www.hhp.uni-trier.de/Projekte/HHP/Projekte/HHP/werke/baende/D04/index_html?widthgiven=30 (Zugriff am 17.2.2026)
[5] DHA, Bd. 4, S. 300 http://www.hhp.uni-trier.de/Projekte/HHP/Projekte/HHP/werke/baende/D04/index_html?widthgiven=30 (Zugriff am 17.2.2026)
[6] Siehe Rolf Hosefeld, Heinrich Heine – die Erfindung des europäischen Intellektuellen, München 2014, S. 386
[7] Hans Mayer, Der Weg Heinrich Heines, Frankfurt am Main 1998
[8] Brief an Marx vom 21. September 1841 HSA, Bd. 22. S. 130
[9] Das Beziehungsverhältnis von Marx und Heine ist vielfach untersucht worden. Zu dem mehr persönlichen Verhältnis siehe Angelika Limmroth Jenny Marx – Die Biografie, Berlin 2018, sowie Jost Hermand, Unter Genossen. Zur Freundschaft zwischen Heine und Marx, in Beutin u.a. „Wenn wir es dahin bringen, daß die große Menge die Gegenwart versteht…“ – Zum 150. Todestag von Heinrich Heine, Frankfurt am Main 2007, S. 45-61
[10] Hans Mayer, Der Weg Heinrich Heines, S.105
[11] A.a.O., S. 108
[12] Siehe dazu Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, DHA Bd. 8/1
[13] Hans Mayer, Der Weg Heinrich Heines, S. 65
[14] DHA, Bd.4, S. 103ff
[15] Hans Mayer, Der Weg Heinrich Heines, S. 68
[16] Leo Kreutzer, Heine und der Kommunismus, Göttingen 1970, S. 24
[17] Jürgen Habermas, Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland, in: Merkur Heft 12 Dezember 1996, S.1122-1137, hier S.1129. Zu Heine als Intellektuellem siehe Gerhard Höhn, Heine-Handbuch, Stuttgart Weimar 3 2004, S. 32-37
[18] Aktuell z.B. die Musikerin Dota Kehr https://www.deutschlandfunk.de/denk-ich-an-deutschland-die-musikerin-dota-kehr-100.html (Zugriff am 17.2.2026)
[19] https://www.youtube.com/watch?v=l7Np4XV2rig
[20] DHA, Bd. 4, S. 147 aus dem Wintermärchen
[21] Hans Mayer, Wendezeiten – Über Deutsche und Deutschland, Frankfurt am Main 1993, S. 245-256
[22] A.a.O., S. 256



