„Ein Schriftsteller, welcher der Schriftstellerei mißtraut“

Man hatte im Januar 1991 Dürrenmatts 70. Geburtstag feiern wollen, aber unerwartet starb der mit Max Frisch berühmteste Autor der Schweiz des 20. Jahrhunderts gesundheitlich schwer angeschlagen am 14. Dezember 1990 in seinem Haus in Neuchâtel an einem Herzinfarkt.  Statt der Geburtstagsfeierlichkeiten gab es dann am 6. Januar 1991 eine Gedenkfeier im Schauspielhaus Zürich. Dort hatte der Dramatiker zahlreiche Aufführungen seiner berühmten Theaterstücke wie „Der Besuch der alten Dame“ mit Therese Giehse 1956 sowie andere Erfolgsstücke wie „Die Physiker“ oder den „Meteor“ erlebt.

Die Gedenkrede im Schauspielhaus hielt Hans Mayer unter dem Titel „Der Meteor“.[1] Es sollte keine literarische Würdigung und keine Trauerrede sein. Diese hätte Dürrenmatt selbst gehalten am gleichen Ort mit der »Totenrede auf Kurt Hirschfeld«. Es würde die Unmöglichkeit der Trauer behauptet. „Da lesen wir: »Die Trauerfeier, die wir hier veranstalten, erreicht den Toten nicht mehr, er hat uns verlassen, seine Loge ist leer … wir kommen zu spät, die Feier fällt nur auf uns zurück … wir betrauern nur uns, nicht ihn …«

Im weiteren Verlauf der Rede fragt Mayer die Anwesenden: Was ist mehr zu betrauern: das Sterben oder das Leben? Über diese Frage hat er sich mit Dürrenmatt bei der Hauptprobe für den „Meteor“ im Januar 1966 unterhalten. Es war eine Überraschungsfrage für den Autor, aber er blieb die Antwort natürlich nicht schuldig. Des Öfteren hatte Dürrenmatt betont, dass eine Geschichte erst dann zu Ende erzählt ist, »wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat«. Der Schriftsteller zögert nicht lange mit der Antwort. »Ja natürlich, der Mann bleibt ja am Leben…«.[2] Der Großschriftsteller Schwitter hatte unbedingt friedlich sterben wollen, aber er bleibt am Leben. Dabei muss man festhalten: „Der Meteor“ ist eine Komödie. Die Begründung findet sich in Dürrenmatts berühmt gewordenem Essay »Theaterprobleme von 1954«. An zahlreichen Beispielen führt er aus, dass die Tragödie von den Griechen bis zu Shakespeare heutzutage nicht mehr zeitgemäß ist. Es brauche die Komödie als Mittel, um Distanz zu schaffen für die Einbindung des Publikums und das Sichtbarmachen des Stoffes. „Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt. Es geht wirklich ohne jeden. … Wir sind zu kollektiv schuldig, zu kollektiv gebettet in Sünden unserer Väter und Vorväter. … Schuld gibt es nur noch als persönliche Leistung, als religiöse Tat. Uns kommt nur noch die Komödie bei.“[3]

Doch auch dieser Weg des Dramatikers Dürrenmatt findet für ihn nicht mehr den gewünschten Zugang zum Publikum, wobei das nicht an der Qualität seiner Stücke liegt. Die Konstatierung mancher Kritiker, dass er sich »ausgeschrieben habe«, hält Mayer für Unsinn. Dem widersprächen alle späteren Texte in ihrer Gedankenschärfe und Sprachkraft. In seinem sechsten Lebensjahrzehnt wendet sich Dürrenmatt primär seinen »Stoffen« zu. Der erste Komplex „Labyrinth. Stoffe I-III“ erscheint 1988 und der zweite „Turmbau Stoffe IV-IX“ 1990.[4] Mayer: „Der späte Dürrenmatt sucht nach einer neuen Form nicht allein der eigenen Literatur, sondern der Existenz. Er möchte seine »Stoffe« nicht untergehen lassen…. So fand er sich eine neue episch-philosophische Form für die zweite große Arbeitsetappe.“[5] Es ging, so Mayer, Dürrenmatt dabei nicht um einen Wechsel der literarischen Gattung, sondern, die neuen Erzählform „verwies den Erzähler zurück auf die eigene Subjektivität … er wollte nicht Erinnerungen beschwören, sondern die Welt von heute verstehen.“[6] Denken, Verstehen, Erkennen, das war die Faszination für den Schriftsteller, welcher der Schriftstellerei mißtraut.[7]

Fasziniert von diesem neuen Dürrenmatt war nicht nur Mayer, sondern auch die Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger, die im Gespräch mit Dürrenmatts Biograf Peter Rüedi in den „Sternstunden der Philosophie“ im Schweizer Rundfunk die Aktualität Dürrenmatts herausstellen.[8] Auch wenn dieses Gespräch 2015 zum 25. Todestag Dürrenmatts gemacht wurde, hat es nichts von seiner Bedeutung eingebüßt.

Im Jahr 2021 erschien eine komplette Fassung des Stoffe-Projektes in überarbeiteter Form verbunden mit einer Online-Version die alle Stufen und Vorstufen des Projektes beinhaltet, herausgegeben wurde diese Fassung von Ulrich Weber und Rudolf Probst. Diese Online-Fassung ist frei zugänglich und ermöglicht so eine umfassende Lektüre sowie Recherche in allen Fassungen oder Varianten, die vorher erschienen sind.[9]

Für dieses Projekt hat Daniel Kehlmann ein Vorwort geschrieben, dass deutlich macht, wie überwältigt er von diesem Projekt war und ist:

„Die Stoffe sind vielleicht der schrägste und eigentümlichste Rechenschaftsbericht, den es in der deutschsprachigen Literatur je gegeben hat: ein Porträt des Künstlers als junger Mann, eingefasst in ein letztlich unmögliches Buch – ein Buch nämlich, das erzählt, was sein Autor nicht zu erzählen vermocht zu haben behauptet, also seine »ungeschriebenen Stoffe«: ein Buch, in dem steht, was angeblich nicht aufgeschrieben wurde.“[10]

Dürrenmatt erzählt sein Schriftstellerleben anhand gescheiterter Projekte, diese aber führt er „kunstvoll erzählt und brillant aus“ wie er es vorher nicht vermocht hatte. Es geht vom „Winterkrieg in Tibet“ bis zu dem Text „Das Hirn“, dessen letzte Seite in einem nihilistischen Galopp an den großen und kleinen Katastrophen der Menschheitsgeschichte vorbeijagt und schließlich in Auschwitz endet.“[11]

In ihrem Resümee stellen die Herausgeber fest, dass die Erinnerung an vergangenes Leben und Erleben sich dem Zugriff entzieht und sich ständig beim Schreiben verwandelt und dass alles Erinnern eine Neukonstruktion der Vergangenheit ist. Das macht das Abschließen des Textes zu einem Problem, womit auch für den Autor die 1989 und 1990 veröffentlichten Texte ein work in progress blieben.[12]

Wie eminent politisch der Schweizer Autor war, der „Weltliteratur“ geschrieben hat, zeigt sich bei der Lektüre der Stoffe aber auch in seinen Reden bei Verleihungen der zahlreichen Preise an ihn. Politische Geschichte hat er allerdings auch geschrieben mit seiner Rede zur Preisverleihung an Václav Havel mit dem Gottlieb-Duttweilers-Preise am 22. November 1990. Die Rede stand unter dem Titel „Die Schweiz – ein Gefängnis“. In dem Gespräch „Sternstunde der Philosophie“ mit Sabine Gisiger und Peter Rüedi wird in einem eindrucksvoller Filmausschnitt gezeigt, dass diese Rede bei den Ehrengästen und Honoratioren in den ersten Reihen wie eine Bombe einschlug.[13]

Der Beginn der Rede war erwartungsgemäß. Dürrenmatt erinnerte an eine Protestveranstaltung 1968 auf der er mit anderen gegen den Einmarsch des Warschauerpakts protestiert hat.[14] Es folgen historische Exkurse. Aber dann kommt er zum Kern der Rede, die später unter dem Titel „Die Schweiz – ein Gefängnis“ veröffentlicht wurde. „Doch die Wirklichkeit, in der die Schweizer träumen, ist anders. Als Dramatiker, lieber Vaclav Havel, haben Sie die Wirklichkeit, in der Sie gelebt haben, bevor der politische Dogmatismus zusammenbrach, in Bühnenstücken dargestellt, die viele Kritiker zum absurden Theater zählen. Für mich sind diese Stücke nicht absurd, nicht sinnlos, sondern tragische Grotesken, ist doch das Groteske der Ausdruck der Paradoxie, der Widersinnigkeit, die entsteht, wenn eine an und für sich vernünftige Idee, wie sie der Kommunismus darstellt – lässt sich eine gerechtere Gesellschaftsordnung denken? -, in die Wirklichkeit verpflanzt wird – auch das Urchristentum war schliesslich kommunistisch, und was ist aus dem Christentum geworden? Durch den Menschen wird alles paradox, verwandelt sich der Sinn in Widersinn, Gerechtigkeit in Ungerechtigkeit, Freiheit in Unfreiheit, weil der Mensch selber ein Paradoxon ist, eine irrationale Rationalität.“ Die folgenden Ausführungen sind dann das, was zu einem andauernden Skandal der Rede geführt hat. Liest man aber genau oder hört dieser Rede genau zu[15], dann muss man feststellen, dass die immer wiederholte Behauptung, die „Die Schweiz sei ein Gefängnis“ nicht der Aussage der Rede entspricht. Genau analysiert hat dies Martin Städeli in seinem sehr differenzierten Beitrag „Im unabhängigen Gefängnis der Neutralität“.[16]

Was die Kritiker der Rede aber nicht verstanden haben oder nicht wahrhaben wollten, fasst Städeli in seinem Schluss-Resümee zusammen: „Das Besondere aber an dieser Gefängnis-Allegorie (das wahrscheinlich die für Dürrenmatt typische Zutat ist) sind die eingestreuten Kommentare. Sie sind nicht aus der Sicht des Autoren-Ich formuliert, sondern wirken unpersönlich, allgemein verbindlich. Der Autor schiebt sie unbemerkt den Zuhörerinnen und Zuhörern unter. Der Autor sagt seinem Publikum durch die Allegorie, wie er den Text verstanden wissen möchte, gleichzeitig flüstert er ihm ins Ohr: Gehe auf Distanz, nimm mich bei dem, was ich sage, nicht beim Wort. Ich betrachte dieses Vorgehen als ironisch und damit die Gefängnis-Allegorie als ironische Allegorie.“[17]

In dem Gespräch „Sternstunde der Philosophie“ mit Sabine Gisiger und Peter Rüedi fragt der Moderator Juri Steiner mehrfach nach der Aktualität des Autors. Auch wenn die Sendung vor 10 Jahren stattfand, haben doch verschiedene Aussagen Dürrenmatts zu gesellschaftlich Fragen nichts von ihrer Aktualität eingebüßt oder veranlassen zu neuen Reflektionen.

Die Themen, die sich durch sein ganzes Werk ziehen sind Freiheit und Gerechtigkeit und insbesondere in den Dramen kollektive Schuld, Mitläufertum, Kollaboration und Verdrängung. Als ein Werk, das in kurzer Form Dürrenmatts Themenbreite zeigt, ist der Aufsatz „Überlegungen zum Gesetz der großen Zahl – Ein Versuch über die Zukunft“ von 1976/77 zu lesen.[18]

Unter dem Primat der Gerechtigkeit vor der Freiheit betrachtet er den Verkehr und das Klima im Kontext von Tod, Luftverschmutzung und Energieverbrauch. Bei dem Thema Wirtschaft und Finanzsystem konstatiert er die „Katastrophenanfälligkeit der modernen Welt als Auswirkung ihrer Wirtschaft und Politik“. In der Schweiz – trotz ihrer Einrichtungen und Strukturen zur Landesverteidigung – „vermögen schon einige wenige Terroristen und Prokuristen die Hilflosigkeit unseres technischen und wirtschaftlichen Systems zu demonstrieren“. Dürrenmatts Reflektion zu Armee und Landesverteidigung nicht nur in diesem Aufsatz geben interessante Denkanstöße zur aktuellen Debatte über die Wiedereinführung des Wehrdienstes in der BRD. Nach Ausführungen zum Wesen eines neuen Staates kommt er – ausgehend vom Status quo – zu dem Schluss, dass damit zwangsläufig die Notwendigkeit der Demokratisierung des Staates verbunden ist, um die Freiheit nicht zu verlieren.

Bevor ich mich dem Thema Dürrenmatt nach dem Beitrag zu seinem 100. Geburtstag „Erkennen, Denken und Verstehen“ erneut widmete, war mir nicht klar, wie aktuell und lesenswert er auch heute noch ist. Und auch sehenswert. Man nehme sich die Zeit, die beiden zitierte Beiträge auf YouTube anzuschauen. Die »Stoffe« als Gesamtlektüre nahezulegen wäre arrogant oder anmaßend, selbst wenn man sie gelesen hätte. Die ausgezeichnete Online-Ausgabe hat aber ein so differenziertes Inhaltsverzeichnis, dass man sich zumindest auf die Suche nach lohnenden Texten begeben und einen Gewinn davon haben kann.

 

[1] Hans Mayer, Frisch und Dürrenmatt, Frankfurt am Main 1992, S. 75-85
[2] A.a.O., s. 77
[3] Friedrich Dürrenmatt, Gesammelte Werke, Band 7, Essays und Gedichte, Zürich 1991, S. 59
[4] Siehe: Dürrenmatt, Gesammelte Werke, Band 7, S. 7-566
[5] Mayer, Frisch und Dürrenmatt, S. 81
[6] A.a.O., S. 81f
[7] A.a.O., S. 83
[8] Siehe https://www.youtube.com/watch?v=k37EE_-A5Eg (Zugriff 7.12.2025)
[9] https://www.fd-stoffe-online.ch/text/0
[10] Im Online-Projekt, Das Stoffe-Projekt Band I, S.12
[11] ebenda
[12] A.a.O., S.19
[13] Dürrenmatt ließ die Rede zuerst unter dem Titel «Über die Absurdität der Schweiz» in der Süddeutschen Zeitung vom 15./16. Dezember 1990 abdrucken. Der Filmausschnitt: https://www.youtube.com/watch?v=k37EE_-A5Eg Zeitpunkt 50. Minute und folgende.
[14] Zum folgenden siehe „Die Schweiz – ein Gefängnis“ https://www.juerg-buergi.ch/resources/Aktuell/Blog/Rede_Duerrenmatt.pdf (Zugriff 09.12.2025)
[15] https://www.youtube.com/watch?v=0XyNGlnJfp0(Zugriff 09.12.2025) Bitte anhören, es lohnt sich, H. B..
[16] http://www.symbolforschung.ch/files/pdf/Allegorie_Gefaengnis.pdf (Zugriff 09.12.2025)
[17] A.a.O., S. 14
[18] Dürrenmatt, Gesammelte Werke, Bd. 7, S. 691-707

„Erst jenseits der Kastanien ist die Welt“

Zum 105. Geburtstag von Paul »Pessach« Antschel

Paul Antschel wurde am 23. November 1920 in der ehemals österreich-ungarischen Bukowina und zu seiner Geburt zu Rumänien gehörenden Stadt Czernowitz geboren. Er war der einzige Sohn von Leo Antschel-Teitler und dessen Ehefrau Friederike (genannt „Fritzi“) geborene Schrager. Die junge Familie hatte eine kleine Wohnung in der Wassilkogasse 5 in Czernowitz bezogen und wohnte dort in drei Zimmern mit weiteren Familienangehörigen.[i]

Die Geburt im Sternzeichen des Schützen hat für die jüdischen Eltern keine Bedeutung. Entgegen Goethe, der seine Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ mit dem berühmten Satz über die Sternstunde seiner Geburt beginnt, kommt Paul erst spät auf diesen Kontext. Ruth Lackner, eine der ersten Freundinnen, weist auf die Passage im Gedicht „Beim Hagelkorn“ aus der „Zeitenwende“ hin.

[…] den harten
Novembersternen gehorsam:
[…]
eine Sehne, von der
deine Pfeilschrift schwirrt,
Schütze.
[ii]

Pauls Vater war ein strenger Erzieher. Der Sohn musste frühzeitig lernen zu gehorchen. Verhielt er sich dementsprechend nicht, wurde er gerügt und bekam sogar Schläge. War das Vergehen „besonders groß“ wurde er in ein leeres Zimmer eingesperrt und der Vater verließ das Haus. Das gab der liebenden Mutter und anderen Frauen im Haus die Chance, den Jungen zu befreien.[iii] Im kleinen Hof hinter dem Haus lag das Sommerparadies des kleinen Jungen. Es ging allerdings nur bis zum Zaun. Alles andere lag „drüben“. So heißt es in einem der Jugendgedichte:

Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.

Von dort kommt nachts ein Wind im Wolkenwagen
und irgendwer steht auf dahier…
Den will er über die Kastanien tragen:
»Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!«
Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.
[…]
Doch wenn die Nacht auch heut sich nicht erhellt
und wiederkommt der Wind im Wolkenwagen:
»Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!«
Und will ihn über die Kastanien tragen –
dann halt, dann halt ich ihn nicht hier…

Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.“[iv]

Israel Chalfen, der Autor der Jugend-Biografie, weist im Zusammenhang mit der Beschreibung der Familie Pauls darauf hin, welche Einflüsse für den Heranwachsenden damit gegeben sind. Aus der Familie des Vaters, den Teitlers, wird das Judentum vermittelt. Bei den Antschels ist es die Naturnähe und bei den Schraders und den Ehrlichs die Nähe zur deutschen Sprache.[v]

Natürlich spielt auch die Landschaft eine wesentliche Rolle. Diese Region der Bukowina gehörte nach einem langen 18. Jahrhundert zu Rumänien und hieß fortan Cernăuţi, danach ging sie von 1940 bis 1941 an die Sowjetunion, von 1941 bis 1944 an Rumänien, dann von 1944 bis 1991 wieder an die Sowjetunion und heute gehört diese Stadt zur Ukraine.

In seiner Ansprache anlässlich der Entgegennahme des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen im Jahr 1958 formulierte Celan:

„Die Landschaft, aus der ich – auf welchen Umwegen! Aber gibt es das denn: Umwege?  – die Landschaft, aus der ich zu Ihnen komme, dürfte den meisten von Ihnen unbekannt sein. Es ist die Landschaft, in der ein nicht unbeträchtlicher Teil jener chassidischen Geschichten zu Hause war, die Martin Buber uns allen auf Deutsch wiedererzählt hat. Es war, wenn ich diese topografische Skizze noch um einiges ergänzen darf, das mir, von sehr weit her, jetzt vor die Augen tritt – es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten.“ [vi]

Nach den Forschungen von Israel Chalfen, Barbara Wiedemann-Wolf, Gerhart Baumann, Petre Solomon sowie Edith Silbermann ist jene „Gegend, in der Menschen und Bücher lebten“ ein zumindest von den historisch erinnernden Beschreibungen her ein Land, über das viel an Wissen zurückgewonnen ist. Sehr konkret auch über vieles aus der Jugend von Paul Antschel.

Diese wechselvolle Geschichte der Region prägte nicht nur die kulturelle Vielfalt, sondern hinterließ auch ihre Spuren in der Identität und den Erinnerungen der dort lebenden Menschen. Besonders für Paul Antschel war die Bukowina nicht nur geografischer Herkunftsort, sondern Quelle literarischer Inspiration und ein Ort tiefer Verbundenheit, der seine Dichtung maßgeblich beeinflusste.

Das Jahr 1933 brachte für die Familie Antschel einen sehr erfreulichen Wechsel in der Wohnsituation. Die Kusinen Klara und Emma Nagel, die Paul in seiner Kindheit oft betreut hatten, verließen das Haus und Tante Minna zog mit ihrem Mann nach Palästina. Paul erhielt sein eigenes Zimmer mit dem Ausblick auf die Kastanienallee. Paul beschloss das vierte Jahr der gymnasialen Unterstufe und feierte seine »Bar Mizwa«. Der damit verbundene traditionelle Vorgang musste ausreichend vorbereitet werden und verlief nach sehr strengen rituellen Regeln ab.[vii]

Mit der »Bar Mizwa« endete auch Pauls Hebräisch-Unterricht, er fühlte sich befreit. In späteren Gedichten des Erwachsenen finden sich aber in den „Sprachgittern“, der „Niemandsrose“ und „Atemwende“ Reminiszenzen an dies einschneidende Erlebnis der Jugend. Die Erinnerung daran und ihre stille Fortwirkung spielte auch eine Rolle bei der ersten Begegnung von Celan und Hans Mayer bei einer Tagung in Wuppertal. In einer Festschrift zum 6o. Geburtstag von Hans Mayer hat sie ihren Niederschlag in einem Gedicht von Celan gefunden: „Weißgeräusche“ erinnerte, daran, wie die beiden sich kennengelernt hatten. Es war eine Tagung des „Bundes“ 1957 in Wuppertal. Das Thema: »Literaturkritik – kritisch betrachtet«. Versammelt war ein illustrer Kreis, unter ihnen Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger und Walter Jens. In seinen Erinnerungen hält Hans Mayer fest: „Zwei Juden erkennen einander. Sie entdecken die geheimen Gebetsriemen am Handgelenk des anderen.“[viii]

WEISGERÄUSCHE, gebündelt,
Strahlen-
gänge
über den Tisch
mit der Flaschenpost hin….[ix]

Das Gedicht, so Mayer, hätte auch die Überschrift tragen können: »Wuppertal, Oktober«. Orte, wie an erster Stelle Czernowitz, spielten in vielen Gedichten Celans eine Rolle. Helmut Böttiger hat sich diesem Thema intensiv gewidmet.

„Czernowitz, das war ein eigener kleiner Kosmos, eine Stadtkultur, eine Cafébesessenheit. Paul Celan, aber auch Rose Ausländer oder Gregor von Rezzori sind vom Geist von Czernowitz geprägt; der psychisch gereizte Wilhelm Reich kommt von dort und Ninon, die Frau, der Hermann Hesse zuletzt dann endgültig verfallen ist. Und was in Wien, der unerreichbaren Metropole, zur Zeit der Jahrhundertwende der Literaturbeschleuniger Hermann Bahr war, einer, der überall seine Finger mit im Spiel hatte und ständig neue Aktionen organisierte, ohne selbst als Dichter sonderlich erwähnenswert zu sein: das war in Czernowitz Alfred Margul-Sperber – Sperber, der, wie Karl Kraus im Februar 1929 in der Fackel schrieb, »von Storojinetz bei Cernauti gewissenhafter die Interessen der Kultur betreut, als es im Raum zwischen Berlin und Wien geschieht«“.[x]

Bereits in dieser Zeit begann Paul, sich intensiv mit Literatur und Sprache auseinanderzusetzen. Das eigene Zimmer bot ihm einen Rückzugsort, an dem er ungestört lesen und schreiben konnte. Seine Begeisterung für Gedichte und literarische Werke zeigte sich nicht nur in der Schule, sondern auch im familiären Alltag, wo er häufig Gedichte vortrug und eigene Texte verfasste.

Zu Beginn des Schuljahres 1934/35 steht für Paul der Übergang in die Oberstufe des Gymnasiums an. Damit verbunden ist ein Schulwechsel, insbesondere wohl wegen des wachsenden Antisemitismus an seiner alten Schule. Das rumänische Staatsgymnasium besaß einen liberalen Ruf. Die Mehrheit der Schüler dort waren Juden. Für den wissbegierigen und viel lesenden Paul waren viele Stunden zu langweilig. Den Klassenkameraden war er in seinem Wissen stets voraus und auch gegenüber den Lehrern konnte er mit seinem Wissen dominieren. Während die Klasse noch bei Schiller und Goethe waren, las er schon Hölderlin und Rilke. Von seinen Mitschülern wurde er mehr und mehr bewundert. Im Frühjahr 1934 gab es auch eine Verbesserung für das Familienleben. Man zog in eine neue größere Wohnung in der Masarykgasse Nr. 10.

Allen Freundinnen und Freunden Pauls war klar, dass er seine Mutter anbetete. Von seinem Vater löste er sich innerlich vollkommen. Dazu zählte auch, dass er sich gegen die Auffassung des Vaters eine linksgerichtete Weltanschauung aneignete. Fairerweise muss man sagen, dass der Vater sich Sorgen wegen der politischen Ausrichtung seines Sohnes machte. Die ersten sozialpolitischen Reflexionen erhielt Paul wohl von seinem Onkel Esriel.“[xi] Noch im Sommer beteiligte er sich an den Treffen der illegalen »Antifaschistischen Jugend«.[xii] Beim Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges ließ sich Paul „zum ersten und einzigen Mal „zu einer politischen Aktion überreden: er sammelte Spenden für die »Rote Hilfe«. Marx und Engels waren eher nicht seine Autoren. Er schätzte anarchistische Kommunisten wie Pjotr Kropotkin oder Gustav Landauer.

Literarisch ist Paul von Rilke fasziniert.

„…in den ersten Gedichten Celans ist die Aufnahme des Rilkeschen Tons, seiner Farbigkeit, seiner Bilderwelt, Zeile um Zeile zu verfolgen:

Kein ankerloses Tasten stört die Hand
und nachts verstreutes Heimweh trägt die Not
gefalteter Gebete zitternd hin vors Rot
im Bangen deiner Züge, dunkeler gespannt.
Der Cornet muß eine prägende Jugendlektüre gewesen sein, noch im Band Mohn und Gedächtnis sind einige Anklänge daran zu spüren.“[xiii]

Diese „Rilke-Melodie“ spiegelt sich auch in den Gedichten wider, die Paul an seine Freundin Ruth Lackner geschickt hat.

Eine weitere wichtige Freundin in dieser Zeit ist für Paul Edith Silbermann, geborene Horowitz. Ihr Vater war Altphilologe und Germanist mit einer der größten Privatbibliotheken der Stadt. Eine Fundgrube für den lesewütigen Paul. Dort fand er auch die Landarzt-Erzählungen Kafkas. Kafka wurde für ihn, wie er Ruth Lackner gegenüber gesagt hat, vor allem in späteren Jahren zur täglichen Lektüre.

Im Juni 1938 machte Paul sein Abitur. Auf Wunsch der Eltern sollte er Medizin studieren. Das war für Juden zu dem Zeitpunkt in Czernowitz nahezu unmöglich. Also fiel die Entscheidung auf Tours in Frankreich, wohin auch einige Bekannte und Freunde Pauls wie Manuel Singer gingen. Am Morgen des 9. November 1938 steigt Paul in den Zug. Seine Reise führt ihn über Berlin. Eine damalige Ahnung am Anhalter Bahnhof hält er in einem späteren Gedicht »La Contrescarpe« in der »Niemandsrose« fest.

„[…] Über Krakau
bist du gekommen, am Anhalter
Bahnhof
floß deinen Blicken ein Rauch zu,
der war schon von morgen. Unter
Paulownien
sahst du die Messer stehn, […]“[xiv]

Paul kommt in den Sommerferien nach Czernowitz zurück. Doch es brechen düsterere Zeiten an. Am 20. Juni 1940 kommen sowjetische Truppen nach Czernowitz und bleiben dort ein Jahr. Für Paul besteht die Chance sein Romanistikstudium fortzusetzen. Das Niveau an der Uni ist aber denkbar niedrig. Doch als Student erhält Paul ein Gehalt als Universitätshörer, dass ihm sogar die Unterstützung seiner Eltern ermöglicht.[xv] Der ideologische Druck und die Verpflichtung für das Studium des Marxismus-Leninismus sind allerdings für Paul schwer erträglich.

Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion können die Sowjets die Bukowina nicht mehr halten. Doch unter ihrer Herrschaft wurden noch Tausende von Einwohnern nach Sibirien verschleppt. Die größere Katastrophe geschieht im Juli 1941, als die Rumänen unter deutschem Kommando der Einsatzgruppe D unter dem SS-Brigadeführer Ohlendorf einmarschieren. Es folgten Deportierungen, Ghetto und organisierter Mord. Die dramatisch-traumatische Schlüsselsituation für Paul ereignet sich im Sommer 1942. Die Deportationen in die Straflager von Transnistrien fanden an den Wochenenden statt; er hatte rechtzeitig ein Versteck für sich und seine Eltern ausfindig gemacht Er konnte sie jedoch nicht überreden, mit ihm dorthin zu gehen. Als er am Montag darauf zum Haus der Eltern ging, war dies versiegelt. Die Eltern waren in ein Arbeitslager am südlichen Fluss Bug transportiert worden. Im August wurden sie in das Lager Michailowka transportiert. Der Vater starb im Herbst 1942. Durch einen Brief seiner Mutter erfuhr Paul davon und hat das in dem Gedicht „Schwarze Flocken“ festgehalten.

„Schnee ist gefallen, lichtlos. Ein Mond
ist es schon oder zwei, daß der Herbst unter mönchischer Kutte
Botschaft brachte auch mir, ein Blatt aus ukrainischen Halden:
[…]
O Eis von unirdischer Röte – es watet ihr Hetman mit allem
Troß in die finsternden Sonnen . . . Kind, ach ein Tuch,
mich zu hüllen darein, wenn es blinket von Helmen,
wenn die Scholle, die rosige, birst, wenn schneeig stäubt das Gebein
deines Vaters, unter den Hufen zerknirscht
das Lied von der Zeder ….
[…]
Blutete, Mutter, der Herbst mir hinweg, brannte der Schnee mich:
sucht ich mein Herz, daß es weine, fand ich den Hauch, ach des Sommers,
war er wie du.
Kam mir die Träne. Webt ich das Tüchlein.“
[xvi]

Paul entkam der Deportation und wurde bis Februar 1944 als Zwangsarbeiter in ein Arbeitslager in Tabăresti bei Buzău eingezogen. Von dort schickt er seiner Freundin Ruth viele Gedichte. Die Nachricht von der Ermordung seiner Mutter durch Genickschuss erreicht Paul über Benno Teitler, einen entfernten Verwandten, der vom Fluß Bug flüchten konnte.

Anfang 1944 ziehen die Deutschen ab und Paul kann zurück nach Czernowitz. Die jungen Leute, die überlebt haben, treffen sich wieder und so lernt Paul auch Rose Ausländer kennen. Sie bewundert den jungen Dichter und findet auch nichts dabei, dass er aus einem ihrer Gedichte, das 1939 veröffentlicht wurde, das berühmte Oxymoron „schwarze Milch“ übernimmt. „Daß Paul die Metapher >schwarze Milch<, die ich in meinem 1925 geschriebenen, jedoch erst 1939 veröffentlichten Gedicht >Ins Leben< geschafft habe, für die >Todesfuge< gebraucht hat, erscheint mir nur selbstverständlich, denn der Dichter darf alles als Material für die eigene Dichtung verwenden. Es gereicht mir zur Ehre, daß ein großer Dichter in meinem frühen Werk eine Anregung gefunden hat.“[xvii]

Im Herbst 1944 eröffnen die Sowjets erneut die russisch-ukrainische Universität. Paul kann sein Studium wieder aufnehmen. Neben Französisch schreibt er sich auch für Anglistik ein. Im April 1945 rüsten sich Paul und einige Verwandte für die Ausreise nach Rumänien. Sie können nach Bukarest gehen. Dort erscheint am 2. Mai zum ersten Mal die von Pauls Freund Petre Salomon ins Rumänische übersetzte, »Todesfuge« unter dem Titel »Todestango«. Der Dichter nennt sich von da an Paul Celan.

Heinrich Bleicher

[i] Zu den konkreten Wohn – und Lebensbedingungen siehe Israel Chalfen, Paul Celan – Eine Biografie seiner Jugend, Frankfurt am Main 1983, S. 25 ff
Da ich in diesem Beitrag über die Jugendzeit Celans in Czernowitz rede, werde ich ihn, wie Thomas Sparr in seinem Buch „Todesfuge“ als Paul Antschel benennen. Siehe Thomas Sparr, todesfuge – Biografie eines Gedichtes, München 2020 hier S. 9-69.
[ii] Paul Celan, Die Gedichte, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann, Frankfurt am Main 2005, S. 178
[iii] Siehe Chalfen, S. 36ff
[iv] Paul Celan, Die Gedichte, S. 13. Das Gedicht in etwas anderer Schreibweise ist auch enthalten in dem Band Paul Celan, Gedichte 1938-1944, mit einem Vorwort von Ruth Kraft. An diese Freundin hatte Paul die meisten der frühen Gedichte gesandt.
[v] Siehe Chalfen, S. 35
[vi] Paul Celan, Ausgewählte Gedichte. Zwei Reden, Frankfurt am Main 1968, S. 131-148
[vii] Siehe Chalfen, S. 49f
[viii] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf Bd. II, S. 228
[ix] Celan, Die Gedichte, S. 234
[x] Helmut Böttiger, Orte Paul Celans, Wien 1996, S. 24
[xi] Chalfen, S. 62
[xii] A.a.O., S.62ff
[xiii] Böttiger, Orte, S. 25
[xiv] Celan, Die Gedichte, S. 161
[xv] Chalfen, S. 93
[xvi] Celan, Die Gedichte, S. 19
[xvii] Zitiert nach Chalfen, S. 133

„Die Betrogene“ als frauliche Außenseiterin

Hans Mayer und Thomas Mann – Begegnungen und Ungeklärtes

PD Dr. Rolf Füllmann (Universität zu Köln)

Dieser Beitrag zum Thomas-Mann-Jubiläumsjahr – für den ich  Rolf Füllmann sehr herzlich danke – ist hier in gekürzter Fassung zu lesen. Er stellt auch einen Ausblick auf die im Herbst stattfindende Tagung zum 50jährigen Erscheinen von Hans Mayers „Aussenseitern“ dar und steht in voller Länge als Download zur Verfügung.

Heinrich Bleicher (Vorsitzender HMG)

Hans Mayer war sowohl als interpretierender Philologe als auch als Vertreter der jungen DDR bzw. zuvor der SBZ vielfältig mit Thomas Mann und seinem Werk verbunden, beide eint zudem nach ihrer Flucht vor dem nationalsozialistischen Terror ein jahrelanges Exil in der Schweiz. Hier und anlässlich der Goethe- und Schiller-Feiern in Weimar 1949 und 1955 fanden auch die meisten ihrer persönlichen Begegnungen statt, wobei Mayer Thomas Mann, der „bereits Nobelpreisträger“ (Mayer: Mann. 23) war, schon um 1930 einmal in München besucht hatte. Immerhin stand Hans Mayer mit Thomas Mann in den Fünfziger Jahren professionell auf so guten Fuß, dass er vorab seinen Schiller-Vortrag „als Manuskript aus Kilchberg erhalten“ hatte, „weil er noch in der zwölfbändigen Gesamtausgabe erscheinen sollte, die der Ostberliner Aufbau-Verlag zu seinem 80. Geburtstag vorbereitet.“  (Mayer: Mann, 16) Eine weitere verborgene Verbindung zwischen Hans Mayer und Thomas Mann war sicher auch, dass in dessen „Anfängen“ die „Versuchung des Außenseitertums […] groß gewesen sein“ (Mayer: Mann, 22) muss. Mayer nimmt an, dass sich Thomas Mann „wohl noch vor der Begegnung mit Katia Pringsheim, die Dualität aus bürgerlichem Lebenslauf und außenseiterhafter Literatur“ (ebd,) als Doppelexistenz vornahm. Dies impliziert auch eine Doppelung zwischen heterosexueller Ehe in der realen Welt und Fiktionen einer geschlechtlich fluiden Quasi-Welt (vgl. Wolf, 623-625), die sich mit den ‚Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull‘ (1954, vgl. Füllmann 2021, 74) und der ‚Betrogenen‘ (1953) bis ins Spätwerk erstreckt. Der Autor der Studie ‚Außenseiter‘ von 1975 hatte also gute Gründe sich lebenslang mit Thomas Mann auseinanderzusetzen.

Als „ein Rheinländer“ (Mayer: Mann, 28) war Hans Mayer bei einem der letzten Gespräche in der Schweiz, was nahelag, vor allem an Thomas Manns besagter neuer Novelle ‚Die Betrogene‘ und der Wahl ihres Schauplatzes Düsseldorf und des nahegelegenen Schlosses Benrath als Orte der novellentypischen Liebeshandlung interessiert. Thomas Mann hatte hier eine Münchner Anekdote, die ihm 1952 seine Frau berichtete (GKFA 6.2, 274), an den Rhein verlegt. Im Gespräch mit Mayer reagierte Thomas Mann etwas ungehalten auf die Verbindungen, die sein jüngerer Gesprächspartner mit Blick auf die Novellenhandlung zu Goethe aufbaute: „Ich sehe überhaupt keine Beziehung zwischen meiner Arbeit und Goethe!“ (Mann: Mayer, 28) Dabei ist das ‚Lob der Vergänglichkeit‘, das der Novellenschluss des ‚Tods in Düsseldorf‘ (so Mayers Titel eines Beitrags über ‚Die Betrogene’ in: ders.: Thomas Mann, 408-426), enthält, eine skeptische Wendung des Pantheismus der Goethezeit. Dieses Weltmodell variiert Thomas Mann zeitgleich in einem naturphilosophischen Aufsatz mit jenem Titel ‚Lob der Vergänglichkeit‘ von 1951 (Vgl. Füllmann 2021, 145) Ein solche Achtung der Natur spricht auch die todesmutig sterbende Novellenheldin Rosalie aus, wenn sie am Schluss sterbend zu ihrer Tochter sagt: „Aber wie wäre denn Frühling ohne den Tod? Ist ja doch der Tod ein großes Mittel des Lebens, und wenn er für mich die Gestalt lieh von Auferstehung und Liebeslust, so war das nicht Lug, sondern Güte und Gnade.«“
Ein kleines Rücken noch, näher zur Tochter, und ein vergehendes Flüstern:
»Die Natur – ich habe sie immer geliebt, und Liebe – hat sie ihrem Kinde erwiesen.«“ (GFKA 6.1, 540)

Herbst und Tod verbinden sich hier monistisch mit einem ‚Maifest‘. Der Bezug zu Goethe ergibt sich desweitern in der Ähnlichkeit der späten Liebe Goethes in Marienbad mit der späten Liebe der Novellenfigur Rosalie von Tümmler zum jung-sportiven Amerikaner Ken Keaton, die anlässlich eines gemeinsamen Ausflugs nach Benrath, inklusive Chateau-Besichtigung, kulminiert. Hier jedoch lag auch ein persönliches Geheimnis Thomas Manns zugrunde, wie Hans Mayer erst viel später über die posthum veröffentlichen Tagebücher erfuhr: die Düsseldorfer Lande waren auch die Heimat von Klaus Heuser (Vgl. Mayer: Mann, 419). Und dieser war Sohn eines Düsseldorfer Kunstprofessors und er war eine an Goethe erinnernde späte Liebe Thomas Manns, die sich wie diejenige der Rosalie von Tümmler, „Rheinländerin von Geblüt und Mundart“ in den „den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts“ (GFKA 6.1, 458), hier des zwanzigsten, ereignete. Für Hans Mayer stand, was Thomas Manns literarische Produktion betraf, ohnehin fest, „daß alle Außenwelt von diesem Partner nur als Möglichkeit für künftige Schreibvorgänge genutzt wurde.“ (Mayer: Mann, 20)

Die Betrogene: Inhalt und thematische Schwerpunkte

Von Goethe stammt auch das Wort von der „unerhörten Begebenheit“, die die Novelle kennzeichnen soll (Füllmann: Novelle, 100). In Thomas Manns später Novelle ‚Die Betrogene‘ (1953) ist dies eine Krebsblutung Rosalies, die diese für eine wiedergekehrte Monatsblutung hält. Ein Todesbote der trügerischen Natur wird mit einem genuin weiblichen Lebensboten verwechselt. Als reizender wie aufreizender Liebesbote kommt hier ein junger Mann aus den USA hinzu, in den die Novellenprotagonistin sich ‚verguckt‘. Sie ist eben auch liebeskrank. Es ist in diesem Kontext – und mit Blick auf die Sanatorien Thomas Manns vom ‚Tristan‘ bis zum ‚Zauberberg‘ – kein Zufall, was Mayer im Zusammenhang einer Ehrendoktorverleihung in Jena unterstreicht: Der Dichter bedauerte, dass „man ihm nicht, wie ursprünglich geplant, den Dr. med. honoris causa verliehen habe.“ (Mayer: Mann, 18)

Die Novelle erzählt von Rosalie von Tümmler, einer etwa fünfzigjährigen Witwe, die zusammen mit ihren beiden Kindern in einer kleinen Villa lebt. Als der jung-unbedarfte US-amerikanische Englischlehrer Ken Keaton in das Leben der Familie tritt, erlebt Rosalie eine unerwartete körperliche und emotionale Wiedererweckung. Sie glaubt erneut fruchtbar zu sein, doch die Frucht ihres Leibes stellt sich als ein tödlicher Krebs heraus. Die titelgebende „Betrogene“ ist Rosalie selbst, die vom eigenen Körper, vom Leben, vom Schicksal und vielleicht auch von der Liebe getäuscht wurde. Rosalie verwechselt Lebenszeichen mit Lebenslügen. Für Hans Mayer manifestiert sich dies in seinem Aufsatz ‚Tod in Düsseldorf‘ (1980) auch in der „Blumensymbolik“ zwischen Krokus und Herbstzeitloser“, „mit ihrem Verwirrspiel zwischen den Jahreszeiten und Lebenszeiten, Liebe und Tod“ (Mayer: Mann, 408). Rosalies späte erotische Blüte wirkt beinahe tragikomisch, weil sie in einem scharfen Gegensatz zur Realität ihres alternden Körpers steht.

‚Die Betrogene‘ ist mithin nicht nur ein psychologisch feingliedriges Werk über Selbsttäuschung, Verdrängung und weibliche Sexualität, sondern sie ist auch tief verankert in einem spezifischen geografischen und kulturellen Kontext: dem Rheinland. Die Verbindung zwischen Ort und Handlung ist nicht nur atmosphärischer, sondern auch symbolischer Natur – das Rheinland fungiert als ambivalenter, antikisch-westlicher fundierter Resonanzraum für Themen wie Vitalität, Verfall, Illusion und Neubeginn.

[……….]

Doch auch jenseits allem rein poetischen ‚Geist der Goethezeit‘ zeigt sich das Rheinlandbild Thomas Manns auch im Politischen von westlichen Ideen beeinflusst. Entsprechend dem rheinischen Wahlverhalten, das auch Anna Seghers im Exil positiv hervorhebt (Seghers: Köln, 111), ist Rosalie von Tümmler für eine deutsche Offizierswitwe nämlich erstaunlich republikanisch und freiheitsliebend, wie die ironische Erzählhaltung unterstreicht. So sagt sie:
„Wir haben doch jetzt die Republik, wir haben die Freiheit, und die Begriffe haben sich sehr verändert zum Légèren, Gelockerten hin, das zeigt sich in allen Stücken.“ (GKFA 6.1, 514)

Selbst in aus der Brusttasche heraushängenden Taschentüchern junger Männer glaubt Rosalie „ganz deutlich ist darin ein Zeichen und sogar eine bewußte Kundgebung republikanischer Auflockerung der Sitten zu erkennen.“ (ebd.)

„Le bel idéal napoléonien“ (Barrès, 181), das für Barrès im Rheinland Offenbachs, Heinrich Heines (Barrès, 15) und August Bebels (Barrès, 182) auch nach mehr als hundert Jahren fortlebt und sich auch in rheinischen Kriegerdenkmälern für die Soldaten des großen Korsen manifestiert, zeigt also auch im modischen Detail. Die altpreußisch-reaktionäre „propagande germanique“ (Barrès, 85) hat da – laut Barrès und sogar seinem ehemaligen Gegenspieler Thomas Mann nach dem endgültigen Ende Preußens – einen etwas schwereren Stand als anderswo in deutschen Landen.

Doch das in jeder Hinsicht milde Klima des Westens und die sinnenfrohe Atmosphäre kontrastieren mit dem unausweichlichen Tod, der Rosalie bevorsteht. Thomas Mann nutzt die rheinische Natur nicht bloß als Hintergrund, sondern als Spiegel der inneren Zustände seiner Figuren. Die blühende Landschaft steht für Rosalies vermeintliche Wiedergeburt – doch sie wird rasch zur Kulisse eines langsamen Sterbens. Doch wie der scheinbar ewig fließende Rhein hat auch das Leben seine verborgenen Strömungen und Untiefen. Der Körper betrügt, wie es auch die Natur zu tun scheint: Was wie Neubeginn wirkt, ist in Wahrheit ein Ende.

Symbolik des Körpers: Rosalie als existenziell-weibliche Außenseiterin

Schon bei Rheinfahrt zum Schloss deutet sich Rosalies körperlicher Verfall sanft an: „Ihr verschmälertes Gesicht war sehr lieblich unter dem Filzhütchen mit der Feder darauf“ (GKFA 6.1, 527), heißt es da und die schwindenden Lebenskräfte zeichnen sich so in ihren Zügen ab. Der Vater Rhein mutiert so zum Styx.

Das Ende der Rosalie wird dann mit einer naturalistischen Drastik erinnert, die an die Hospital-Szene in Thomas Manns ‚Königliche Hoheit‘ (1909) oder gar an Gottfried Benns ‚Morgue‘-Gedichte erinnert. Wie der Zeitzeuge Hans Mayer 1980 feststellte, lösten diese Schilderungen in den 1953 durchaus eine Abwehr des Lesepublikums aus:
„Ingrimm war zu spüren bei den Rezensenten und ihren Lesern, fast eine Verstörung. Das seit und durch Freud modisch gewordene Schlagwort vom ‚Tabu‘ schien sich anzubieten. Hatte Thomas Mann in der ‚Betrogenen‘ ein Tabu verletzt, vielleicht gar in Form mehrerer Verstöße?“ (Mayer: Mann, 410)

Jenseits des Medizinischen betont Mayer – aktuelle Gender-Diskussionen vorwegnehmend – als Verstörungsmoment „das Tabu der tradierten Geschlechterrollen“, das die Novelle verletzt: „Die männlich werbende Frau, der gleichsam wie ein ‚Weib‘ begehrte junge Mann“ (Mayer: Mann, 412).
Doch auch das Körperliche rührt mit dem „weibliche[n] und beschwiege[n] Geheimnis der Blutungen“ (Mayer: Mann, 412) an Tabuisiertes.
Die Steigerung des Grauens folgt noch: Was in Rosalie wächst, ist nicht die weibliche Liebe, sondern ein monströses wie narrativ demonstrativ präsentiertes Krebsgeschwulst, wie es nur im Frauenkörper wuchern kann. Ein Mediziner mit Namen Muthesius, der nach Hans Mayers Interpretation an den Hofrat Behrens im ‚Zauberberg‘ erinnert (Mayer: Mann, 412), nimmt eine „bimanuelle Untersuchung“ an Rosalie vor. Er stößt in ihrem Innern auf einen „für das Alter der Patientin viel zu großen Uterus“: Dann lässt sich „beim Verfolgen des Eileiters“   ein „unregelmäßig verdicktes Gewebe und statt eines schon sehr kleinen Ovariums“ ein „unförmige[r] Geschwulstkörper erkennen.“ Dort, wo neues Leben wächst, erscheint hier der Tod:  Man kann „nicht zweifeln, daß im Uterus selbst Gebärmutterkrebszellen in voller Entwicklung begriffen waren. Es wies all die Bösartigkeit Zeichen rapiden Wachstums auf.“ Der männliche Blick des Professors auf das genuin weibliche Krankheitsbild ist nüchtern: „»Nenne ich ausgedehnten Befund«, sagte er zu seinem Assistenten.“ (GKFA 6.1, 538)

[………………..]

Rosalie stirbt gleichsam an ihrer Weiblichkeit, die Natur nimmt die Naturnahe zu sich. Der Humanist Thomas Mann schließt die monströse Krankheit als Humanes in sein Menschenbild ein, aber er lässt dem Menschlichen das letzte Wort:
„Rosalie starb einen milden Tod, betrauert von allen, die sie kannten.“ (GKFA 6.1, 540)

Dies ist kein Femizid. Hierin unterscheidet sich Rosalies Ende vom grausigen Ende der abgestochenen Lulu Wedekinds (Mayer: Außenseiter, 133). Die weibliche Existenz wird hier indes existenziell außenseiterhaft im Sinne Hans Mayers. Dieser hat in seiner grundlegenden Studie zu den ‚Außenseitern‘ selbst die Außenseiterstellung mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht. Etwa im Falle des homosexuellen Außenseiters Arthur Rimbaud, „der am 10. November 1891, mit 37 Jahren, qualvoll am Krebs gestorben“ war (Mayer: Außenseiter, 247). Die körperliche Zerstörung erscheint Mayer als das folgerichtige Ende einer Außenseiterexistenz in einer zerstörerischen Gesellschaft, die unter sozialem Druck von „der provokanten Skandallust zur provokanten Unscheinbarkeit“, zwischen „Skandal und die Gleichschaltung“ pendelt (Mayer: Außenseiter, 240).

Ähnlich provokant wie das körperlichen Monströse einer Krebserkrankung zwischen Gebärmutter und Eierstock bei der ‚Betrogenen‘ ist – in Anknüpfung an die Essays von Montaigne – indes die Konzeption existenziellen, nicht intentionalen Außenseitertums in Hans Mayers Studie. Da heißt es dann:
„Allein ob die permanente Aufklärung noch eine Chance hat in der Aktualität und Zukunft, muß an jenen Außenseitern der Gesellschaft demonstriert werden, die als Monstren geboren wurden. Ihnen leuchtet nicht das Licht des kategorischen Imperativs, denn ihr Tun kann nicht zur Maxime einer allgemeinen Gesetzlichkeit gemacht werden. Eben darum jedoch muß sich Aufklärung vor ihnen bewähren.“ (Mayer: Außenseiter, 11)

[……….]

Hans Mayer geht wie Thomas Mann bei der ‚Betrogenen‘ Montaignes Essays folgend in Bereiche des Humanen vor, die der Krankheit zugeordnet werden könnten und novellistisch-anekdotisch geschildert werden:
„Montaigne wählt nach seiner stilistischen Gewohnheit das Alltagserlebnis. Was er berichtet, trug sich »vorgestern« zu. Bauernleben in der Gascogne. Eine Familie mit einem Kind von 14 Monaten, das keine Nahrung annimmt außer der Ammenmilch. Es trägt einen kopflosen Zwilling mit sich herum.“ (Mayer: Außenseiter, 12)

[……….]

Die genuin fraulichen monströsen Auswüchse im Inneren der Rosalie von Tümmler im 20. Jahrhundert nehmen ihr ebenso wenig die Menschlichkeit wie die Auswüchse am Äußeren der von Montaigne geschilderten Landbewohner des 16. Jahrhunderts.

[……….]

Die landschaftliche Idylle am Rhein wird in Thomas Manns ‚Die Betrogene‘ zur sarkastischen Brechung der tragischen Realität. Die Natur zeigt in und außerhalb des menschlichen Körpers der Rosalie von Tümmler ihr Janusgesicht. In diesem Spannungsfeld gelingt es Thomas Mann, ein letztes Mal einem Werk die großen Fragen des Menschseins als Frausein im Interdiskurs, pendelnd zwischen Kulturgeographie, Mythos und Medizin, zu verhandeln. Dies erfolgt wie regelmäßig in seinem Werk an einer Außenseiterfigur (Vgl. Kurwinkel, 12f).

Der vollständige Beitrag mit Literaturangaben kann hier heruntergeladen werden.

Ihr Auftritt, Hans Mayer!

Zum Geburtstag Hans Mayers veröffentlichen wir einen Beitrag von Pieke Biermann[1], die zu Hans Mayers Zeit in Hannover bei ihm gearbeitet hat und ihn persönlich gut kannte. Für ihn war sie die „Lilo“. Bei einer Lesung, die Hans Mayer am 26. Juni 1984 in der Autoren-buchhandlung machte, war sie anwesend und hat ihn auch einen Tag später nochmals zum Frühstück getroffen. In Erinnerung daran entstand das nachstehende „Fragment“. Wir danken Pieke Biermann ganz herzlich dafür, dass sie es zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

Als Anke und Helma ihm das Raum-Mikro zurechtrücken, wird es ihm zu eng. „Habt Ihr denn hier keinen Techniker, der sich auskennt?“ fragt er und weiß nicht, was er da sagt. Und, um über das, was er nicht weiß, keinen Zweifel aufkommen zu lassen, weiter: „Wo ist denn der Mann vom RIAS?“

Erst dem glaubt er, daß dieses Mikro wirklich dicht bei einem sein muß.

Er hat dieselbe Diktion und Gestik wie vor über zehn Jahren, als ich ihn zuletzt an der Universität sah. Er wirkt sogar jünger heute als damals. Ich bin in Versuchung, in meinem Kopf das Kompliment: „Sie haben sich ja überhaupt nicht verändert!“ zu formulieren und denke – „linientreu“ – sofort: „Oh!“ und erbleiche. Innerlich.

Auch die Hände und vor allem die Finger hält und bewegt er wie früher. Verschluckt Endungen auf die gewohnte Art. Ist wie immer imstande, längste und komplizierteste Satzschachteln ohne Reibungsverluste ineinanderzutürmen. Sein Gedächtnis ist glänzend; da, wo er es braucht.

Später, im „kleinen Kreis“ der illustren Namen (Irina und Stephan Hermlin, Roland Wiegenstein, der fast taube Ossip Flechtheim), wird er kurz und endgültig anmerken, er habe, als er über Chemnitz las, den Satz weggelassen, daß Hermlin da geboren ist. Es wäre „läppisch“ gewesen. Hermlin nickt dankbar, weil blamiert.

Getroffen hatte ich ihn gegen alle Inszenierungsversuche, kurz bevor er die AUTOREN-BUCHHANDLUNG betrat. Auf seinem Weg in eine Kneipe, um noch rasch einen Schluck zu trinken. „Pieke“, nein, das gehe nicht. Ich sei „Lilo“. Gut, sage ich, damit kann ich leben. „Sie dürfen weiter Lilo sagen.“ „Man sieht sich ja noch!“

Manche wundern sich, hinterher in der Kneipe ohne ihn, über Hermlins Oberschüler-Pose. Sie kennen ihn nur als ewigen Duodez-Fürsten („Fürst Feinfrost“), der sich sogar öffentlich angeekelt abwendet, wenn Irina ihre notorische „Geschwätzigkeit“ abzuspulen beginnt. Hier nicht.

Irina, die Frau, scheint vor dem Gatten geschützt durch den Lehrer, der sich für Frauen nicht interessiert. Obwohl sie dem Lehrer, der sich im Glanz des gelungenen Auftritts aalt, gelegentlich die Schau zu stehlen droht. Er, der womöglich noch weniger von Frauen wahrnimmt als „normale Männer“, sieht dieses Wenige dennoch häufig genauer. Ernsthafter. Soweit er es gebrauchen kann.

Er liest über den 17. Juni 1953, den er fast verschlafen hat. Dann über Brecht. Schließlich über Bloch. Er ist kein Memoirenschreiber, auch wenn er die Chance, Hinz & Kunz aus der zweiten Reihe aktiv zu erleben, profitabel nutzt. Wenn er sich auf solche Personen konzentriert, ist er am stärksten. Seine Methode ist faszinierend, weil sie einem diese ehrfurchteinflößenden „Riesen“ nahebringt, ohne eine gewisse respektvolle schützende Distanz niederzureißen. Seine Methode, sich auf Personen zu konzentrieren, besteht eigentlich darin, sich auf Eigenschaften zu konzentrieren, die nicht unbedingt für jedermann erkennbar sind. Eigenschaften, die ihm selbst zu eigen sind. Das allerdings sagt er nicht, das wäre (vermutlich) „läppisch“.

Solche Eigenschaften – zum Beispiel Brechts „Spieltrieb“ und Horkheimers „Boshaftigkeit“ (von der er seinerzeit mündlich und vollmundig erzählt hatte, beim Essen, selbstverständlich, im alten Exil-Treffpunkt in Lugano, selbstverständlich, ich glaube, er heißt TIVOLI, den er uns selbstverständlich vorführte wie ein stolzer Besitzer eines Panoptikums, der einem die Welt zeigen kann – wir waren damals jung) -,  solche Eigenschaften, die er an sich kennt, erkennt er öffentlich an anderen, die er liebt oder – deswegen – haßt.

An denen auch kann er sie an-er-kennen. Indem er sie zum Zentrum macht und alles „Bekannte“, alles „öffentliche Eigentum“ um sie herum gruppiert, läßt er Personen wie Werk in einem neuen Licht erscheinen. Seinem Licht. Er schreibt, also, über sich. Es sind – auch oder vielleicht sogar vor allem – Stichworte, die er seinen eigenen Rezensenten nahelegt, damit sie ihrerseits ihn damit schmücken, ihn begreifen können. (Es gibt viele, die diese Inszenierung als „Eitelkeit“ mißverstehen; vermutlich wissen die nichts vom Zwang zum do it yourself, dem Exilierte und andere Außenseiter ausliefert sind.) Man liebt und haßt andere immer für die Eigenschaften, die man an sich selbst schätzt oder verachtet. Das bringt die Nähe, die gleichzeitig die einzige Chance ist, etwas zu begreifen, und eine ständige Gefährdung: verwechselt, eingemeindet, maßstabsgetreu gemacht zu werden. Es ist wohl auch die einzige Chance, Fremdheit zu erfahren und auszuhalten. Die eigene und die der anderen. Voraussetzung für die unwiderrufliche Existenz auf Widerruf?

Manche wundern sich, später in der Kneipe ohne ihn, darüber, daß die „Dichter und Denker“ aus dem Exil in die DDR gingen. Daß sie, wenn sie „zurück“ wollten, den Teil Deutschlands vorzogen, der etwas „Neues“ zu probieren schien. Trotz Stalin – also trotz des Verrats nach innen namens Tschistka und trotz des Verrats nach außen namens Nichtangriffspakt. Manche haben offenbar das Gefühl, es habe sich damals alles so angefühlt wie heute. Denn denken kann man das nicht nennen, was sie auf solche Fragen bringt. Sonst wäre ihnen ein Gedanke wie der nicht fremd: daß Exilierte ein pointierteres Bedürfnis nach „Heimat“ haben als Leute, die mit der Kränkung des Ausgestoßenseins nie Bekanntschaft geschlossen haben.

Zum Beispiel das Bedürfnis, dort zu leben und zu arbeiten, wo die Anstrengungen, die Leiden und die Not einer Lebenserfahrung namens Exil gewürdigt werden. Wo sie als Teil der allgemeinen Geschichte geschätzt werden. Wo, also, die Chance besteht, sich seiner eigenen „persönlichen“ Geschichte zu versichern. Diese Atmosphäre der Sicherheit nach diesen unsicheren Jahren muß es in der frühen DDR gegeben haben. Denn im Westen war sie abwesend. Einiges, was in „normalen“ Ländern innerhalb der nationalen Grenzen aufeinanderprallt, wurde in Deutschland nach alter deutscher Weise fein säuberlich auseinandersortiert – nach hüben oder nach drüben. (Die westdeutsche traditionelle Linke ist an der Existenz der DDR gescheitert; die Lüneburger Gerichte brauchten nur noch auszufegen.)

Im Westen ist mit der Erfahrung Exil ebenso verfahren worden wie mit allem, was die zwölf Nazi-Jahre sonst ausgemacht hatte – sie sind alle verdrängt worden. Im selben Maß, wie in Westdeutschland ein schmerzhafter Mangel an Schamgefühl oder zumindest Entsetzen über die geschehenen und also: begangenen Ereignisse produziert worden ist (bis heute und erfolgreich!), im selben Maß hat in Westdeutschland die Arbeit Exil nicht wahrgenommen werden können. Die Exilierten sind ein zweites Mal um ihre Lebensgeschichte betrogen worden – zum ersten Mal, indem sie ins Exil (oder in den Tod) getrieben wurden; zum zweiten Mal in Form dieser westdeutschen fatalen „Selbstverständlichkeit“, mit der darüber hinweggegangen wurde. Dieser verklemmten Bagatellisierungen, dieser zynischen business as usual-Maske, hinter der sich niemand auch nur zu wundern scheint, plötzlich wieder zum Beispiel Juden gegenüberzustehen. Als hätte es nie eine Zeit gegeben, in der die eigene „Heimat“ als „judenfrei“ angepriesen werden konnte. Wie kann die „Heimat“ solcher Leute zur Wieder-Heimat der Exilierten werden?

Die Geschichte des Exils der alten und neuen Exilierten aus der DDR ist dann wiederum eine andere Geschichte. Oder vielleicht gar nicht so anders? Feststeht wohl, daß sie hier im Westen kaum die Heimat finden, die sie im Sinn haben, wenn sie das Bedürfnis nach Heimat verspüren.

„Hier, ich zeige Ihnen jetzt mal ein Foto, und dann sagen Sie mal als Frau, was Sie davon halten.“ Als Frau? Ich soll das Alter einer alten Dame schätzen. Es handelt sich um die Mutter seines Freundes Glubrecht. Who ever he is. Er strahlt, als ich mich über siebzig nicht vorwage. Sie ist neunzig. Oder einundneunzig.

„Und holen Sie uns doch ein bißchen Wurst, Lilo, die wird doch jetzt wohl da sein!“    Doch, er hat seine Weisen, mich „als Frau“ wahrzunehmen. Er versucht mit verschiedenen Taktiken herauszufinden, was für eine Frau er da neben sich hat. „Woher kommt denn ‚Pieke‘? Daran kann man ja gar nichts erkennen…“ Sehen Sie, sage ich, das gefällt mir ja gerade daran.

Weiter. „Schreiben Sie denn auch mal ‚was Größeres‘?“

Ja, antworte ich folgsam, ich habe da die Idee, Essays um das Thema „Exil“ herum zu schreiben. Ein paar davon sind fertig. Der über die „Deutsch-amerikanische Fremdheit“ zum Beispiel. Den hat er natürlich nicht gelesen. Aber das Thema erregt seine Neugier. Ja, so.

Er bietet mir dann der Reihe nach immer wieder Frauen an. Zum Beispiel Stefan Schütz. Den er für sehr begabt hält. Aber ein Stück hat der geschrieben, das ist vollkommen gescheitert, UNTERNEHMEN CRESSIDA oder so. Da habe er dem armen gebeutelten Schütz sagen müssen: „Schütz, Sie hätten einfach nur einen Satz schreiben sollen: Ich wär so gerne eine Frau, wau-wau!“ Und lacht.

Er riecht – weil er als der homo ludens, der Brecht war, einen ausgeprägten Sinn dafür hat, mit welchen Inszenierungen man Leute beeindruckt – sofort, daß er mich allemal eher mit den Frauen beeindrucken kann, die seinen Weg säumen durften. Oder, manchmal, deren Weg er säumen durfte. Schülerinnen wie Christa Wolf und Irmtraut Morgner, die bei ihm Examen gemacht haben. Und eine, die bei ihm promoviert, sei dabei, die Kracauer-Edition bei Suhrkamp auseinanderzunehmen; die sei nämlich ganz ganz schlampig. Bei Moravia assoziiert er Dacia Maraini. Gewöhnlich geschieht das umgekehrt.

Ich sage, als er von ihr schwärmt, „wir“ holen die im Herbst. Wer ist wir? Der ROT-BUCH-Verlag, der sie publiziert, und das Lesbenarchiv, dessen sezione italiana ihre Werke zusammenstellt. Kein Wimpernzucken beim Wort Lesben. Selbstverständlich überhört er interessiert sämtliche Implikationen. „Ihr habt ja im Katalog ein Foto von der Maraini, da sieht sie sehr schön aus.“

Ihr. Sein Ihr signalisiert, ohne identifizierbar zu sein, er hat mein Wir akzeptiert und in die ihm erträgliche Form gebracht. In die der ungefährlichen Professionalität. Wir/Ihr Ihr. bedeutet nunmehr offiziell: der ROTBUCH-Verlag, für den ich arbeite; nicht das Lesbenarchiv. Wir verstehen uns.

Vielleicht nur deshalb, weil auch mir seine Spielfreude nicht fremd ist, mit der er heute genießen kann, in Zentren des Prestiges, aus denen einer wie er prinzipiell ausgeschlossen ist, ein- und auszugehen. Diese boshafte Verspieltheit – die gleichzeitig ernst ist und ihn verletzbar, weiterhin kränkbar hält – mit der er sich „von Dohnany persönlich“ dazu einladen läßt, das Prestige eines städtischen Forschungsprojekts mit seinem Namen zu bebildern. Feixend, weil nur er wirklich auskosten kann, was für einen Gärtner er da abgeben wird, dieser bockige Außenseiter auf Widerruf.

© 1984.06. Pieke Biermann

[1] Siehe: Mayer war mein Tor zur Welt, Gespräch mit Pieke Biermann in: Der unbequeme Aufklärer – Gespräche über Hans Mayer, herausgegeben mit einer Einleitung von Heinrich Bleicher, Mössingen-Talheim 2022, S. 25-38.

„Der schwarze Schwan Israels“

Am 22. Januar 1945 starb nach schwerer Krankheit Else Lasker-Schüler „das große lyrische Genie“ (Gottfried Benn) in Jerusalem. Der Rabbiner Kurt Wilhelm sprach bei ihrem Begräbnis auf dem Ölberg eines ihrer Gedichte aus dem letzten berühmten Gedichtband »Das blaue Klavier«. Es beginnt mit den Worten „Ich weiß, daß ich bald sterben muß“ und endet mit der Zeile „Ich setze leise meinen Fuß auf den Pfad zum ewigen Heime“.[i]

Aus ihrer Heimat, wo sie totgeschwiegen wurde, war die Dichterin vertrieben. Als sie 1932 den Kleistpeis erhielt für den „überzeitlichen Wert ihrer Verse, der den ewig gültigen Schöpfungen unserer größten deutschen Meister ebenbürtig ist“ schmähte der »Völkische Beobachter« sie als „Tochter eines Beduinenscheichs“ und stellt fest: „daß die rein hebräische Poesie der Else Lasker-Schüler uns Deutsche gar nichts angeht“.[ii]

Schon als Kind hatte die Wuppertaler Schülerin Judenhaß ertragen müssen und erinnerte sich später an einige antisemitische Attacken auf dem Heimweg. „Ach wie oft hörte ich mit dem Ranzen auf den Rücken noch 8jährig zur Schule gehend aus höhnisch verzerrten Straßenkindern, »Jud, Jud, Jud, hast Speck gefressen etc –, spuck ut, spuck ut!«“[iii] Der Spruch ähnelt sehr dem, den Hans Mayer in seinen Erinnerungen zitiert: „Jid,Jid, Jid, Hep, Hep, Hep / Steck de Nas inne Wasserschepp!“[iv] Hans Mayer hatte Else Lasker-Schüler noch als Schuljunge kennengelernt, weil sie des öfteren in sein Elternhaus zum Essen kam. Ob er sie, die wie er in der Schweiz im Exil lebte, dort wiedergetroffen hat ist mir nicht bekannt aber er hat dafür gesorgt, dass Gedichte aus »Das blaue Klavier« in der von ihm mitredigierten Zeitschrift »Über die Grenzen« veröffentlicht wurden.[v]

ELS als Prinz Jussuf 1912 (Bild gemeinfrei)

In dem von Georg Popp herausgegebenen Buch »Große Frauen des 20. Jahrhunderts« hat Hans Mayer einen Artikel zu Else Lasker-Schüler beigetragen.[vi] Man zählt sie zum Umkreis des Expressionismus. „Schreibend war sie bestrebt, ihre Begegnung mit der Welt und dem Leben Ausdruck zu verleihen; ihr eigener Ort, Konturen des gesuchten und gefragten Ich sollten dabei hervortreten. … Und dabei ging es immer auch um sie selbst. Unablässig war sie bemüht, das gesuchte Ich mit einer vielfältigen Welt und einem zersplitterten Leben künstlerisch zusammenzubringen. Vor allem die Lyrik der jüdischen Dichterin fand Beachtung; aber auch Prosa und Dramen entstammen ihrer Feder.“[vii] Obwohl Mayer z.B. das Drama »Die Wupper«[viii] durchaus als sozialkritisch interpretiert, auf »IchundIch« (1940/41) geht er nicht ein, stellt er fest, dass Else Lasker-Schüler keine politische Dichterin war. In der Gesamtbewertung ist das wohl zutreffend, aber es sollte nicht den Blick auf politische Aspekte und Themen in ihrem Werk verstellen.

In dem Schauspiel „Arthur Aronymus und seine Väter“ (1932) findet sich folgende Stelle: „„Wie heute brannten die Tannenbäume hinter den Scheiben der geistlichen Hauptstadt Westfalens, als sich das blutige Pogrom abspielte. Unschuldig vergossenes Judenblut klagte über die Grenzen des Heimatlandes, dunkel über den Rhein und pochte an die Judenherzen anderer Reiche; im unheimlichen Echo an die Erdteile der Welt. An den geschmückten Zweigen der hohen Tannenbäume im Rathaussaale, in der Aula der Schulen, hatte man kleine Judenkinder wie Konfekt aufgehängt. Zarte Händchen und blutbespritzte Füßchen lagen, verfallenes und totes Laub auf den Gassen des Ghettos umher, wo man den damaligen Juden gestattete, sich niederzulassen. Entblößte Körper, sie eindringlicher misshandeln, bluteten zerrissen auf Splittern der Fenstergläser gespießt, unbeachtet unter kaltem Himmel.“[ix]

In der Kurzbeschreibung des Stückes »IchundIch« in dem von Karl Jürgen Skrodzki und Kevin Vennemann herausgegeben Text nach dem Typoskript heißt es: „In dem im Jerusalemer Exil geschriebenen, zu Lebzeiten unveröffentlichten Stück IchundIch rechnet sie mit dem Hitlertum ab, rasant setzt sie ihr politisches Weltgericht in Szene. Goethes Faust-Personal gibt sich mit Personen der Zeitgeschichte ein Stelldichein. Marthe Schwerdtlein flirtet unverhohlen mit Goebbels, den Mephisto nebst Göring, Heß und von Schirach zu einem Geschäftsessen empfängt. Am Ende dieses »Höllenspiels« verliert Hitler »die geraubte Welt« und versinkt mit all seinen Schergen rettungslos im Höllenschlamm.“[x] Ein Film der Aufführung des Stückes am 2. Oktober 2020 im Frankfurter Schauspiel findet sich auf YouTube.[xi]

Im Nachlass – den Hans Mayer wohl nicht kannte – fanden sich mehre Kurztexte mit dem Titel „Der Antisemitismus“.[xii] Sie zeigen, wie die Dichterin das historische Thema benennt und es in ihre Gegenwart in Israel transformiert. „Ihn, den Antisemitismus erachte ich für ein Erbteil vom Vater auf den Sohn. Ein Erbschatz mit dem der Erbende selten umzugehen versteht. Anstatt den ihm zugefallenen, unedlen, unechten Schatz, der ihn an Seele und Gemüt zu verarmen droht, zu vernichten, bemüht er sich, ihn zu bewahren im Safe seines Herzens; ihn bei Gelegenheit, sogar – verschwenderisch herauszuwerfen. So führen die Taler des geerbten Gutes den Besitzer seelisch zum Bankerott. Wie gewöhnlich jede von Eltern und des Volkes vererbte Münze – mit der Fratze der Gehässigkeit!“[xiii] Und weiter: „Es mischten sich hier in Palaestina Juden aus allen Laendern und Erdteilen der Welt und suchen, zu verstaendigen sich in verschiedenen Sprachen oder weichen sich ungeduldig aus; auch die dem Begegnenden, und glauben religiös zu sein, ja, vollkommen geartet in der Hand Adonajs. … – Ich leide unter diesem irrigen Leben. – Nachdem ich dem Totschlag des Antisemitismus entkommen, zerreisst mich zuweilen vertrauungslos die Kralle des eigenen Volkes.“[xiv]

Insbesondere Dank der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft wird an die Dichterin mit verschiedenen Veranstaltungen gedacht. Zu ihrem Geburtstag am 11. Februar werden die vertonten Liebesgedichte von Dorothea Jakob, Sopran, und Fabian Hemmelmann, Bariton, gesungen. Es geht um eine der wildesten Liaison der Literaturgeschichte. „Sie ist 43, er 26. Das Unerhörte ihrer Liebe gibt Anlass zu Klatsch und Tratsch, Else gibt Benn einen nickname aus dem „Nibelungenlied“: „Der hehre König Giselheer / Stieß mit seinem Lanzenspeer / Mitten in mein Herz“. – „Ich treibe Tierliebe“, dichtet Benn zurück: „In der ersten Nacht ist alles entschieden. Man fasst mit den Zähnen, wonach man sich sehnt. Hyänen, Tiger, Geier sind mein Wappen.“ Selten ist Sex metaphorisch witziger und expressionistischer überhöht worden als in der poetischen Liaison von Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn.“[xv]

In Amsterdam findet vom 8. – 11. Mai das XXV. Else Lasker-Schüler-Forum statt.[xvi]

Heinrich Bleicher

[i] Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte. Frankfurt am Main 2004, S. 200
[ii] Else Lasker-Schüler mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Erika Klüsener, Reinbek bei Hamburg (1980) 1992, S. 108f
[iii] »Der Antisemitismus« (»Gehört zur Erbschaft, eine …«) • Manuskript: The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive (Arc. Ms. Var. 501 02 110). Zitiert nach https://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_098.htm#n034
[iv] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen I, Frankfurt am Main 1982, S. 53. Das Hep erinnert an das römische Hierosolyma est perdita. Jerusalem ist verloren.
[v] A.a.O., S. 300
[vi] Hans Mayer, Else Lasker-Schüler. Der schwarze Schwan Israels, in: Georg Popp, Große Frauen des 20. Jahrhunderts, Würzburg 1992, S.53-60
[vii] A.a.O., S.53
[viii] Das Drama wurde immer wieder aufgeführt und besprochen.
Siehe: https://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_033.htm Hochlobend ist auch die Besprechung von Herbert Ihring aus dem Jahr 1913 abgedruckt im Programmheft der »Schaubühne am Halleschen Ufer« von 1975/76, S. 55-56
[ix] https://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_108.htm
[x] Else Lasker-Schüler: »IchundIch«. Hrsg. v. Karl Jürgen Skrodzki und Kevin Vennemann, Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, Frankfurt/M. 2010
[xi] https://www.youtube.com/watch?v=fbtSsVcm5L0
[xii] Siehe die Texte 34-37 auf dieser Homepage: https://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_098.htm
[xiii] A.a.O., Der Antisemitismus [36]
[xiv] ebenda
[xv] https://www.else-lasker-schueler-gesellschaft.de/ Siehe unter der Rubrik Aktuelles.
[xvi] ebenda

Milena Jesenská nicht vergessen

Sie ist ein lebendiges Feuer,
wie ich es noch nie gesehen habe,
… Dabei äußerst zart, mutig, klug…“[i]

Bekannt geworden ist der Vorname dieser tschechischen Journalistin, Übersetzerin, Feministin und Widerstandskämpferin durch die Veröffentlichung der »Briefe an Milena«.[1] Jahre lang war sie in der literarischen Öffentlichkeit nur als Geliebte Kafkas bekannt; ohne ihren Nachnamen. Ähnlich war es der ersten Geliebten und zeitweise Verlobten Kafkas, Felice Bauer, ergangen. Aus Geldnot hatte sie Kafkas an sie gerichteten Briefe an den Schocken-Verlag in New York verkauft. Sie erschienen 1967 unter dem Titel Briefe an Felice auf Deutsch und 1973 in englischer Übersetzung.[2] Kein geringerer als der spätere Nobelpreisträger Elias Canetti widmet sich 1968 den Briefen in einem längeren Essay unter dem Titel »Der andere Prozeß«. Er konstatiert, dass man Felice Bauer wirklich dankbar sein muß, dass sie die Briefe Kafkas bewahrt und gerettet hat, auch wenn sie es dann über sich bringen musste, sie zu verkaufen. Er hält fest: „Ich habe diese Briefe mit einer Ergriffenheit gelesen, wie ich sie seit Jahren bei keinem literarischen Werk erlebt habe.“[3]

Das Kafka-Jahr ist weitgehend verstrichen, ohne dass meines Erachtens angemessenen auch an die Frauen gedacht wurde, die sein Leben wesentlich bestimmt haben. Eine gewisse Ausnahme ist die Fernsehserie in der ARD, die jeweils einen Film zu den drei wesentlichen Beziehungen gebracht hat.[4]

Erst seit den 1990er Jahren gibt es Publikationen, die sich der Person sowie dem Journalistenleben Milena Jesenskás widmen. Viel zu danken ist dafür ihrer Biografin Alena Wagnerová, die zuletzt 2020 bei Wallstein ein Buch mit Jesenskás Reportagen verwirklicht hat.[5]

Die Beziehung Milena Jesenskás zu Kafka war völlig anders als die zu seinen vorherigen Partnerinnen Felice Bauer und Julie Wohryzek. Kurzfristig kennen gelernt hatten sich die beiden bei einem Treffen des Prager Literatenkreises um Max Brod und Franz Werfel im Cafe Arco in Prag. Milena lebte zu dem Zeitpunkt mit ihrem Mann Ernst Pollak in Wien. Die Jungvermählten waren dort Mitte März 1918 hingezogen, nachdem der Vater Milenas, Dr. Jan Jesenský, Professor für Zahnmedizin an der Karlsuniversität, gegen seinen Willen der Heirat mit dem von ihm abgelehnten Pollak wegen der Volljährigkeit seiner Tochter hatte zustimmen müssen.[6] Als Milena und Kafka sich kennenlernten, war die Ehe mit Pollak schon im Auflösungsprozess begriffen. Die materiellen Verhältnisse im Nachkriegs-Wien waren für die junge Ehefrau schwierig. Als eine Verdienstmöglichkeit sah sie die Chance von Übersetzungen aus dem Deutschen ins Tschechische. Pollak hatte ihr wohl geraten dafür Kafka anzusprechen. Der stimmte zu und am 22. April 1920 erschien die Prager Literaturzeitschrift »Kmen« mit einem einzigen Beitrag, Kafkas Romankapitel „Der Heizer“. Wie aus dem Brief an Milena von Ende April aus Meran hervorgeht, erhielt Kafka ein Exemplar der Zeitschrift. „Als ich das Heft aus dem grossen Kouvert zog, war ich fast enttäuscht. Ich wollte von Ihnen hören und nicht die allzu gut bekannte Stimme aus dem alten Grabe. Warum mischte sie sich zwischen uns? Bis mir dann einfiel, dass sie auch zwischen uns vermittelt hatte. Im übrigen aber ist es mir unbegreiflich, dass Sie diese große Mühe auf sich genommen haben, und tief rührend, mit welcher Treue Sie es getan haben, Sätzchen auf und ab, einer Treue, deren Möglichkeit und schöne natürliche Berechtigung, mit der Sie sie üben, ich in der tschechischen Sprache nicht vermutet habe. So nahe deutsch und tschechisch? Aber wie das auch sein mag, jedenfalls ist es eine abgründig schlechte Geschichte, mit einer Leichtigkeit, wie nichts sonst, könnte ich liebe Frau Milena Ihnen das fast Zeile für Zeile nachweisen, nur der Widerwille dabei wäre noch ein wenig stärker als der Beweis. Daß Sie die Geschichte gern haben, gibt ihr natürlich Wert, trübt mir aber ein wenig das Bild der Welt. Nichts mehr davon.“[7]

Wie wenig Milena als Übersetzerin nicht nur Kafkas bekannt war, zeigte sich auch im vergangenen Kafka-Jahr. Auf der deutschsprachigen Seite von Radio Prag erschien im August des vergangenen Jahres ein Beitrag mit Michelle Wood. Sie lehrt an der State University of New York in New Paltz Literatur- und Übersetzungswissenschaft und brachte 2013 eine Publikation mit dem Titel „Kafka Translated“ heraus. Ein Kapitel darin ist eben Milena Jesenská gewidmet. Im Interview mit dem Radio stellt Woods fest: „Um die Wende zum 20. Jahrhundert herum und dann auch nach 1918 wurde Übersetzung als wichtige Möglichkeit gesehen, die neuesten Texte aus aller Welt ins Tschechische zu übertragen. Dadurch sollte auch die hiesige Literatur bereichert werden. Man wollte frische Gedanken in die neugegründete Republik bringen.“ Und der interviewende Redakteur, Ferdinand Hauser, ergänzt: „Zudem könne die Beschäftigung mit Jesenská wichtige Impulse aus einer feministischen Perspektive bringen. Denn Übersetzung habe damals auch gesellschaftliche Teilhabe bedeutet und sei für Frauen oft eine willkommene Möglichkeit gewesen, in die Literaturszene einzusteigen, so Woods im Interview für Radio Prag International.[8]

Entscheidend für die Beziehung zwischen Kafka und Milena ist aber, so Alena Wagnerová, dass ihm „in Milena zum ersten Mal in seinem Leben eine Frau begegnet, die ihm ebenbürtig ist“[9] und ihn trotz aller Verschiedenartigkeit versteht. Andererseits geben Kafkas Briefe „Milena Jesenská genau das, was sie in der Ehe mit Ernst Polak und wohl schon einige Jahre vorher, vielleicht seit dem Tod der Mutter so bitter entbehrt hat: das Gefühl der Wärme und Geborgenheit.“[10] „Man müßte Milena Ihr Gesicht zwischen beide Hände nehmen und ihnen fest in die Augen sehen damit sie in den Augen des anderen sich selbst erkennen und von da an nicht mehr imstande sind, Dinge wie sie sie dort geschrieben haben, auch nur zu denken.“[11]

Nachdrücklich interessiert ist Kafka auch an den Artikeln, die Milena schreibt. Nicht nur an politischen oder literarischen, sondern auch an ihren Artikeln über Mode. Im Brief vom 29. Mai 1920 schreibt er: „Aber jedenfalls: das ist keine gewöhnliche Schreiberin, die das geschrieben hat. Ich habe danach zu Ihrem Schreiben fast so viel Vertrauen wie zu Ihnen selbst. Ich kenne (bei meiner geringen Kenntnis) im Tschechischen nur eine Sprachmusik, die der Božena Nĕmcová, hier ist eine andere Musik, aber jener verwandt an Entschlossenheit, Leidenschaft, Lieblichkeit und vor allem seiner hellsichtigen Klugheit.“

Wie nah und auf besondere Art vertraut sich die beiden sind, zeigt sich insbesondere bei und nach ihrer viertägigen Begegnung in Wien. Milena bringt dies in einem Briefwechsel mit Max Brod, der sowohl für Kafka als auch für Milena eine Vertrauensperson in Bezug auf deren Verhältnis ist, zum Ausdruck. Sie bittet ihn nachdrücklich sie wissen zu lassen, wenn „Frank“[12] leidet, insbesondere wenn es scheint, dass das ihretwegen ist. In ihrem Brief von 29. Juli an Brod schreibt sie: „Ich war wirklich sehr erschrocken, ich wusste es nicht, daß Franzens Krankheit so ernst ist, hier war er wirklich wie gesund, husten habe ich ihn überhaupt nicht gehört, er war frisch und froh und schlief gut. Sie danken mir lieber, lieber Max. Sie danken mir, anstatt mir Vorwürfe zu machen, daß ich schon längst nicht bei ihm bin, daß ich hier sitze und nur Briefe schreibe. Ich bitte Sie – ich bitte Sie darum: denken Sie nicht von mir, daß ich schlecht bin, daß ich es mir leicht mache. Ich bin ganz zerquält hier, ganz verzweifelt (nicht Frank sagen!) und weiß für mich keinen Rat und keine Hilfe. Daß sie aber schreiben, daß Frank doch etwas aus mir hat und von mir hat, etwas gutes, das ist, wirklich Max, das ist das größte Glück überhaupt.“[13]

In einem weiteren Brief an Brod macht Milena deutlich wie gut sie Kafka und seine Verhaltens- und Denkweisen kennt. Außerordentlich erstaunlich, weil sie ihn nur aus seinen Briefen und aus der viertägigen Begegnung in Wien kennt. „Sie sagen, wie es komme, daß sich Frank vor der Liebe fürchtet und vor dem Leben nicht fürchtet? Aber ich denke, daß es anders ist. Für ihn ist das Leben etwas gänzlich anderes als für alle anderen Menschen, vor allem sind für ihn das Geld, die Börse, die Devisenzentrale, eine Schreibmaschine völlig mystische Dinge. Sie sind für ihn die seltsamsten Rätsel, zu denen er durchaus nicht so steht wie wir.“[14] Im Folgenden führt sie dann überzeugende Beispiele für ihre Einschätzung an. Weitere kluge Betrachtungen zu den Problemkomplexen in Bezug auf Kafka, die unter den Begriffen Schuld und Angst zu fassen sind, macht sie ebenfalls deutlich. Über seine tief in ihm verankerte Angst hatte Kafka Milena in seinem Brief vom 23.  Juni 1920 geschrieben. Dies konkret auch in Bezug auf sein Verhältnis zu seinem Vater.[15] Er hatte ihr zugesagt, ihr den Brief an seinen Vater zu lesen zu geben. Ein außerordentlicher Beweis, der keiner anderen Person zuteil wurde. Handschriftlich hatte er in dem Originalbrief Erläuterungen für Milena eingetragen. Ob sie den Brief jedoch jemals komplett erhalten hat, ist ungewiss.[16]

Kafkas Krankheit, Schlaflosigkeit und seine Angstgefühle verschlechtern zusehends seine Verfassung, trotz oder vielleicht auch wegen des intensiven fast täglichen Briefwechsels mit Milena. Außerdem hat er die Sorge Milena, die zeitweise krank ist, zu verletzen. Am 10. September 1920 schreibt er: „Eben kam dein Telegramm. Du hast vollständig recht, ich habe es trostlos dumm und grob gemacht, es war aber nicht anders möglich, denn wir leben in Mißverständnissen, mit unseren Antworten entwerten wir unsere Fragen. __Wir müssen jetzt aufhören uns zu schreiben und die Zukunft der Zukunft überlassen.“[17] Fünf Tage später heiß es: „Es ist kein Gesetz, das mir verbietet, dir noch zu schreiben…“ und dann zwölf Zeilen später unterstrichen: „Du sollst mir immer schreiben, wenn es irgendwie nötig wird, aber das ist ja selbstverständlich.“[18] Und 5 Tage später heißt es wiederum: „Aber im Grunde habe ich deshalb nicht geschrieben, weil ich das unklare Gefühl habe, ich hätte dir so viel und so äußerst wichtiges zu schreiben, daß keine noch so freie Zeit frei genug wäre alle Kräfte dafür zusammenzufassen.“[19]

Klug hat Hartmut Binder in dem Milena-Kapitel seines Buches »Kafka. Ein Leben in Prag« das erschriebene Liebesverhältnis Kafkas mit Milena – auch im Vergleich mit dem zu Felice Bauer – beschrieben.[20] „Trotzdem, dies ist nur die eine, weniger wichtige Seite der Angelegenheit. Anders als Felice stand Milena ganz auf seiner Seite, nicht nur als Literatin und selbstständige Frau, die sich den Ansprüchen ihres Vaters entzogen hatte, sondern auch, indem sie die Berechtigung seiner Lebensängste anerkannte, sogar ihr gegenüber, sein Selbstbewusstsein nicht durch Vorwürfe schwächte, ihn nicht leiden ließ. Dadurch ermöglichte sie ihm seinerseits eine Offenheit, die er sonst keinem Menschen entgegenbrachte. So gab er ihr nicht nur das Manuskript des >Verschollenen< und des >Schloss< Roman zum Lesen, sondern auch sämtliche Tagebuchhefte, die selbst sein bester Freund Max Brod zu seinen Lebzeiten nie zu Gesicht bekam und nach einer testamentarischen Verfügung am liebsten ungelesen verbrennen sollte. Und diese Übergaben erfolgten sogar erst zu Zeiten, als die eigentliche Liebesbeziehung längst schon gescheitert war.“[21]

Ende 1920 ist der Briefwechsel mit Milena im Prinzip beendet. Seit Mai 1921 lebt Milena wieder in Prag und arbeitet dort als Journalistin und Übersetzerin. Soweit es ihm möglich ist, liest Kafka weiterhin die Artikel Milenas. Mehrfach besucht diese den kranken Kafka. In den Jahren 1921-1923 gibt es nur noch vereinzelt einige Briefe sowie einige Postkarten an Milena. In einem Brief vom Ende März 1922 heißt es: „Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe mit einander verkehren können!“[22]

Nachdem Kafka seine dritte wesentliche Liebesbeziehung mit Dora Diamant erlebt,[23] mit der er auch in Berlin zusammenlebte, stirbt er am 3. Juni gepflegt von Dora und seinem Freund Robert Klopstock in einem Sanatorium in Kierling bei Klosterneuburg. Drei Tage später erscheint in der Zeitung „Národní listy“ Milenas berühmter Nachruf auf Kafka.

„Vorgestern starb im Sanatorium Kierling in Klosterneuburg bei Wien Dr. Franz Kafka, ein deutscher Schriftsteller, der in Prag gelebt hat. Es kannten ihn hier nur wenige, denn er war ein Einsiedler, ein wissender, vom Leben erschreckter Mensch. Er litt bereits jahrelang an einer Lungenkrankheit, und obwohl er sie behandeln ließ, hat er sie doch auch bewusst gehegt und geistig gefördert. »Wenn die Seele und das Herz die Bürde nicht mehr ertragen, dann nimmt die Lunge die Hälfte auf sich, damit die Last wenigstens einigermaßen gleichmäßig verteilt sei«, schrieb er einmal in einem Brief, und so verhielt es sich auch mit seiner Krankheit. Sie verlieh ihm ein ans Wunderbare grenzendes Feingefühl und eine geistige Lauterkeit, die bis zum Grauenerregen kompromisslos war; und umgekehrt war er es, der Mensch, der seiner Krankheit die ganze Last seiner geistigen Lebensangst auflud. Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, aber die Bücher, die er schrieb, waren grausam und schmerzhaft.“[24]

„Národní listy“ ist die Zeitung, in der Milena schon seit längerem journalistisch erfolgreich tätig ist. Seit sie 1919 von Wien aus journalistisch für Prager Publikationen arbeitet, hat sie sich zu einer gefragten Journalistin entwickelt.[25] Mit mehreren Kolleginnen arbeitet sie ab 1926 schwerpunktmäßig für die Frauenseite von „Národní listy“. Gemeinsam tragen sie dazu bei, das neue Lebensgefühl emanzipierter Frauen zu verbreiten.[26]

Im Sommer 1926 lernt Milena den jungen Architekten Jaromír Krejar kennen. Die beiden bekommen 1928 ein Kind, das Mädchen Honza, das trotz einer schweren Krankheit Milenas vor der Geburt, gesund zur Welt kommt. Milena aber bleibt von da an mit einem steifen Knie so beeinträchtigt, dass sie kontinuierlich die Schmerzen mit Morphium bekämpfen muß. Im Herbst 1929 kommt sie langsam in ihr Alltagsleben zurück. Es folgen berufliche Rückschläge und die Kündigung durch „Národní listy“. Mit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre schließt sich die schon lange linksstehende Milena der kommunistischen Partei (KPTsch) an, trotz des darin eintretenden Schwenks zum Stalinismus. Zunehmend schreibt sie, weil andere Zeitungen sie nicht mehr beschäftigen, für die kommunistische Presse. Außerdem macht sie Parteiarbeit und hilft verfolgten Kommunisten. Doch mit den „Moskauer Prozessen“ endet ihre Zugehörigkeit zur KPTsch. Sie erlebt eine Zeit „extremer existenzieller Not und eine tiefe persönliche Krise.“[27] 1937 bietet ihr der Chefredakteur der Zeitschrift Přítomnost, Ferdinand Peroutka, eine feste Stelle in der Redaktion an. Sei schreibt aktuelle politische Artikel und gründlich recherchierte Reportagen. In seinem Beitrag für eine deutsch-tschechische Tagung über Milena im Jahr 2014 schildert Petr Pithart ihre Arbeit für die Zeitschrift und auch ihre Tätigkeit als Fluchthelferin nach der Besetzung der Tschechoslowakei 1938.[28] Im September 1939 wird die Zeitung verboten. Für die Gestapo ist Milena keine Unbekannte. Am 11. November wird sie verhaftet und wochenlang verhört. Im Frühjahr 1940 wird sie wegen des Verdachts auf Hochverrat in Dresden vor Gericht gestellt.[29] Das Verfahren wurde eingestellt und Milena zurück nach Prag gebracht. Die Dresdener Gefängniszeit hatte ihr schwere gesundheitliche Schäden gebracht und einen Gewichtsverlust von ca. 40 Kilo.[30] Im Prager Gefängnis hatte ihr Vater sie noch besuchen können, aber im Oktober 1940 kam sie in „Schutzhaft“ nach Ravensbrück.

Über die dreieinhalb Jahre, die sie dort bis zu ihrem Tod am 17. Mai 1944 verbracht hat, hatte als Erste Margarete Buber-Neumann in ihrem Milena-Buch berichtet.[31] Inzwischen gibt es neuere Forschungen und Berichte, sie finden sich in dem Beitrag von Insa Eschenbach in dem Buch zur Milena-Tagung.[32] Darin gibt es auch einen Beitrag von Eduard Goldstücker der 1963 die berühmte Kafka-Konferenz in Liblice ausgerichtet hat. Er hatte Milena in den 1930 Jahren in Prag persönlich kennengelernt. In seinem Text „Á propos Milena Jesenská“ knüpft er nicht nur an die Liebesbeziehung Kafkas und Milenas an, sondern nimmt die Gelegenheit „für eine gerechte Würdigung dieser ungewöhnlichen Frau“ wahr.

Alena Wagnerová schließt ihre Biografie Milenas mit einem Nachruf der aus einem Brief von Walter Tschuppik (einem Freund aus Wien) an Joachim von Zedtwitz, einem der wichtigsten Fluchthelfer und Freund Milenas, stammt:

„Und sagen Sie (ihrer Tochter), das Milena Jesenská vor mir in der Erinnerung als der gütigste und größte Mensch steht, dem ich je begegnet bin. Ihre Selbstlosigkeit, ihr Mut, ihre Entschlossenheit, ihr kühnes Handeln – ach, wie mußte sie es büßen, ein außergewöhnlicher Mensch zu sein. (…) Als ich Nachricht von Ihrem Tod erhielt, (…) schämte ich mich wahrhaftig, daß ich mein armseliges Leben gerettet hatte und daß sie, die Wertvolle, tot sein sollte!“[33]

Am 14. Dezember 1994 wird Milena Jesenská von Yad Vashem zur „Gerechten unter den Völkern“ ernannt.

Heinrich Bleicher

[1] Franz Kafka, Briefe an Milena, New York 1952. Die erste deutsche Ausgabe erschien zwei Jahre später im Fischerverlag. Im Folgenden wird zitiert aus der Erweiterten Neuausgabe, herausgegeben von Jürgen Born und Michael Müller, Frankfurt am Main 1986
[2] Franz Kafka: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, Frankfurt am Main 1967. Weitere Informationen über Felice Bauer befinden sich hier: https://www.franzkafka.de/leben/frauen/felice-bauer
[3] Elias Canetti, Der andere Prozeß. Kafkas Briefe an Felice, München 1976.
[4] Die Serie ist noch in der Mediathek der ARD zu sehen: https://www.ardmediathek.de/serie/kafka/staffel-1/Y3JpZDovL25kci5kZS80OTg3/1
[5] Milena Jesenská, Prager Hinterhöfe im Frühling. Feuilletons und Reportagen 1919-1939, hrsg. von Alena Wagnerová, Göttingen 2020.
[6] Auf die komplizierte Vorgeschichte dieser Beziehung, zu der eine Zwangseinweisung Milenas durch ihren Vater in eine Irrenanstalt gehörte, kann hier nicht eingegangen werden. Kindheit und Jugend Milenas werden ausführlich in Alena Wagnerovás Biographie Milenas geschildert: Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 1997. Eine Kurzfassung des Lebenslaufs sowie weitere Literaturhinweise finden sich im Internet unter der Adresse: https://www.franzkafka.de/leben/frauen/milena-jesenska
[7] Kafka, Briefe an Milena, S.8f. Auf der Homepage der Seite „franzkafka.de“ wird als Datum der 8. Mai als Erhalt seiner ersten Übersetzung genannt. https://www.franzkafka.de/fundstuecke/die-erste-uebersetzung
[8] https://deutsch.radio.cz/milena-jesenska-die-uebersehene-uebersetzerin-8825175
[9] Alena Wagnerová, Milena Jesenská, S. 89
[10] A.a.O., S. 88
[11] Kafka, Briefe, S. 44
[12] In dem Zeitraum ihrer innigen (brieflichen) Liebesbeziehung, aber auch bei der Begegnung in Wien nennt Milena Kafka „Frank“. In dem Fundstück „Frank und Milena“ heißt es: Überliefert ist jedoch, dass Milena Jesenská sich mit Kafkas Namen einen besonderen Spaß erlaubte. Nachdem er mehrere seiner frühen Briefe an sie mit »FranzK.« unterzeichnet hatte, was man auf den ersten Blick – siehe die Abbildung (dokumentiert auf der verlinkten Seite) – leicht als »Frank« lesen konnte, nannte sie ihn fortan konsequent Frank, mündlich wie schriftlich. Wie ihre Briefe an Max Brod belegen, blieb sie bei dieser Gewohnheit sogar gegenüber Dritten.
Kafka scheint den neuen Namen wie einen Ehrentitel getragen zu haben: »Franz« repräsentierte die Vergangenheit, »Frank« die neuen Lebenschancen…“
Siehe: https://www.franzkafka.de/fundstuecke/frank-und-milena
[13] Kafka, Briefe, S. 361
[14] A.a.O., S.363
[15] A.a.O. S. 75
[16] Siehe dazu das Nachwort von Joachim Unseld in Franz Kafka, Brief an den Vater. Faksimile herausgegeben und mit einem Nachwort von Joachim Unseld, Frankfurt am Main 1997, S. 185-238.
Klug analysiert Unseld den Macht- und auch Furchtkomplex, die der „Brief an den Vater“ für das Leben und Denken Kafkas intensiv schildert.
Siehe auch die Ausführungen auf der Kafka-Seite: https://www.franzkafka.de/werk/brief-an-den-vater
[17] Kafka, Briefe, S. 258f
[18] A.a.O., S. 264
[19] A.a.O., S. 269
[20] Hartmut Binder, Jan Parik, Kafka. Ein Leben in Prag, Essen/München 1993
[21] A.a.O., S. 202
[22] A.a.O., S. 302
[23] Dieter Lamping, Anders leben. Franz Kafka und Dora Diamant, Berlin 2023
[24] Kafka, Briefe, S. 379. Der vollständige Text mit Erläuterungen findet sich auch auf dieser Homepage: https://www.franzkafka.de/fundstuecke/milenas-nachruf
[25] Siehe dazu das Kapitel „Die junge Journalistin“ in Alena Wagnerova, Milena Jesenská, S. 100-107
[26] A.a.O., S. 109ff
[27] A.a.O., S. 148
[28] Milena Jesenká, biografie – zeitgeschichte – erinnerung, Prag 2016, S. 212-227. Siehe auch Alena Wagnerowa, S. 150ff
[29] Siehe hierzu den Beitrag von Birgit Sack „Die Bedeutung Dresdens für die justizielle Verfolgung des tschechischen Widerstands“ in dem Tagungsreader.
[30] Im Archiv des tschechischen Innenministeriums hatte die Journalistin Marie Jirásková die Gestapoakte von Milena gefunden und 1995 in einer Artikelserie der Zeitschrift »Literarní Noviny« darüber berichtet. Erweitert um weitere Dokumente ist diese Serie als Buch erschienen Marie Jirásková, Kurzer Bericht über drei Entscheidungen: Die Gestapo-Akte Milena Jesenská, Frankfurt/Main 1996, S.53
[31] Margarete Buber-Neumann, Milena, Kafkas Freundin, München (1963) 1977
[32] Insa Eschenbach, Milena Jesenská und Ravensbrück, Ein Beitrag zur Erinnerungsgeschichte des Frauen-Konzentrationslagers, S.122-143
[33] Alena Wagnerová, Milena, S. 188

[i] Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft. Briefwechsel, herausgegeben von Malcolm Pasley, Frankfurt am Main 1989, S. 276

„Gesellschaftliche Unproduktivität und Wertlosigkeit des Herrentums“

Heiner Wittmann

„Die deutschen Klassiker sind sich einig in der ungemeinen Wertschätzung Diderots; sie stellen ihn neben die drei Heroen des französischen Zeitalters der Aufklärung, neben Voltaire, Montesquieu und Rousseau, und manchmal scheint es fast, als sei er ihrem Herzen näher als die großen drei, als empfänden sie eine Art inniger Verwandtschaft zwischen ihm und sich.“[1]

Denkmal in seiner Heimatstadt Langres (Foto: HB)

Geboren wurde Denis Diderot im Oktober 1713 und sein Todestag liegt mit dem Juli 1784 nun 240 Jahre zurück. 1955 verfasste Hans Mayer einen Aufsatz über »Diderot und seinen Roman Jacques le Fataliste« für den Band Grundpositionen der Französischen Aufklärung.[2] Später wurde dieser Aufsatz in Mayers Band Weltliteratur erneut aufgenommen[3].

Mayer führt seine Leser*innen in die Rezeptionsgeschichte von Jacques le Fataliste ein, den Diderot zwischen 1765 und 1784 verfasst hat und der erst ein Jahr nach seinem Tod 1785 erschien. Im gleichen Jahr übersetzt Friedrich Schiller einen Auszug unter dem Titel Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache. Aus einem Manuskript des verstorbenen Diderots gezogen für den Rheinischen Thalia. Schiller bedankte sich beim Freiherrn von Dalberg, der in Mannheim die „Originalschrift“ des Romans besaß. Der Auszug enthält die Passage mit der Rache der Madame de la Pommeraye an ihrem ungetreuen Liebhaber, eine Schlüsselpassage des Romans. Schon fünf Jahre vorher hatte Johann Wolfgang von Goethe den Roman in Melchior Grimms Literarischer Korrespondenz gelesen und in seinem Tagebuch am 3. April 1780 von seiner Wollust berichtet, die ihm diese Lektüre bereitet hatte. Diderot wurde in den Augustbriefen 1797 Gesprächsthema zwischen Schiller und Goethe.

Mayers Aufsatz ist deshalb bemerkenswert, weil er hier einmal mehr, nun am Beispiel von Jacques le Fataliste, seine Leser in das besondere Werk eines Autors einführt und zugleich dessen Tragweite anhand der Rezeption in Deutschland erläutert. Wenn zwei Größen der deutschen Literatur sich von Diderot so beeindruckt zeigen, seine Werke übersetzen, dann ist es für Mayer ein guter Anlass, sozusagen als Erklärung für die Begeisterung in Weimar, Inhalt, Struktur und Bedeutung von Jacques le Fataliste seinem Leser näherzubringen. Es ist die Prägnanz, mit der Mayer den Roman auf sechs Seiten vorstellt, die zu seiner Lektüre oder erneuten Lektüre anregt.

Der Vorwurf des Plagiats, eine Anlehnung an Laurence Sternes Tristram Shandy könne nicht verfangen, obwohl die „Schachtelform einer Erzählung“ hinsichtlich der Form beiden Werken gemeinsam sei. Und auf der inhaltlichen Ebene gebe es, so Mayer, genügend Unterschiede. Jacques soll über sein Liebesleben berichten, schiebe dies aber immer wieder auf. Auch Sterne wollte die hergebrachte Romanform durchbrechen, aber Diderot setzt noch eins drauf und erzählt von Jacques, ohne etwas Konkretes über ihn zu berichten. Jede Erwartung ist vergebens; was einen Roman kennzeichnen könnte, fehlt in Jacques le Fataliste. Also ist es ein „philosophischer Roman“. Und der Herr? „Er ist mit Entschiedenheit nichts“, erklärt Mayer. Die beiden Protagonisten gebe es nur aufgrund ihrer Unterhaltung und ihren Erlebnissen. Wer ist der Herr? Alles werde von Jacques beschlossen, findet Mayer, und Jacques sei ein Fatalist, was Diderot gar nicht ernst meine, sondern er will mit Jacques‘ Fatalismus gegen das „kirchliche Dogma einer göttlichen Weltenlenkung“ Protest einlegen. Der Herr hingegen fühle sich „frei“ und merke nicht, wie Jacques ihn steuere. Um die „gesellschaftliche Unproduktivität und Wertlosigkeit des Herrentums“, geht es in Jacques le Fataliste stellt Mayer fest und unterstreicht diese Erkenntnis: die „Lebensabhängigkeit der Herrenschicht von ihren Knechten ist hier zum ersten Mal mit allen Konsequenzen vorgetragen“ worden. Damit ist klargestellt, dass die Analyse dieses Romans in Mayers „Weltliteratur“ selbstverständlich seinen Platz hat.

Man muss daraufhin seinen Aufsatz noch einmal lesen, denn dann wird erst die Tragweite der Gespräche zwischen Schiller und Goethe über Diderot so recht deutlich. Goethe übersetzt Le neveu de Rameau von Diderot, während Schiller Diderots Auffassung zu Malern und der Malerei „als im Widerspruch zu den Geboten „reiner“ Kunstanschauung“ stehend beurteilt und nimmt damit die Diskussion zwischen Herder und Lessing wieder auf. Mayer zeigt an diesen Kontroversen die „Herausarbeitung der Kontraste zwischen deutscher und besonders französischer Literaturentwicklung, denn nur so könne „die eigentümliche Evolution unserer bürgerlichen Nationalliteratur richtig“ verstanden werden. Und es geht nicht nur um Jacques le Fataliste: Für Schiller und Goethe ist die Beschäftigung mit dem Caféhausgespräch zwischen Diderot und Rameaus Neffen mehr als eine „Nebenarbeit“: es ist ein zentrales Thema ihrer Auseinandersetzung mit dem Problem der bürgerlichen Revolution.“ Hegel wird daraus für ihn wegweisende Gedanken finden, die bis Marx und Engels wirken. Kein Wunder, dass Marx später Diderot als seinen „Lieblingsschriftsteller“ bezeichnet.

Zählen wir jetzt nicht noch einmal alle Autoren auf, die Mayer in seinem Aufsatz hier nennt von Lessing bis Marx. Bleibt festzuhalten, er will über Jacques le Fataliste schreiben und verfasst eine kurzgefasste europäische Literaturgeschichte. Die heutige Bedeutung Diderots und auch die seines letzten Buches liegt für Mayer darin, dass „die einzigartige Bedeutung dieses einzigartigen Buches für die Geschichte des europäischen Romans und die großartige menschliche Freiheitsbewegung“[4] so bedeutend ist.

[1] Denis Diderot, Erzählungen und Gespräche mit einer Einführung von Victor Klemperer, Leipzig 1953, S. VII
[2] Grundpositionen der französischen Aufklärung. Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft, herausgegeben von Professor Dr. Werner Krauss und Professor Dr. Hans Mayer, Rütten & Loening, Berlin 1955, S. 55-82
[3] Hans Mayer, Weltliteratur. Studien und Versuche, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1989
[4] Grundpositionen der französischen Aufklärung, S. 82

„…ein einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt.“

„Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig, Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte als bis diese Stunde vorübergegangen.“[1]

Mit diesen beiden Sätzen beginnt „Goethes Autobiographie … das größte historische Werk ihres Verfassers.“[2] Eine solche Behauptung, die Hans Mayer in seinem „Versuch über Goethe“ aufstellt, „mag verwunderlich erscheinen“ aber natürlich gelingt es ihm im Exkurs I des Buches im Kapitel  „Der Weg zur Geschichte“ überzeugend dazustellen, welchen Primat das Geschichtliche als Grundprinzip der Selbstdarstellung Goethes hat und wie dieser in dem Vorwort von „Dichtung und Wahrheit“ darauf explizit hinweist. „Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abgespiegelt. Hierzu wird aber ein kaum Erreichbares gefordert, daß nämlich das Individuum sich und sein Jahrhundert kenne, sich, inwiefern es unter allen Umständen dasselbe geblieben, das Jahrhundert, als welches sowohl den Willigen als Unwilligen mit sich fortreißt, bestimmt und bildet, dergestalt daß man wohl sagen kann, ein jeder, nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach außen betrifft, ein ganz anderer geworden sein.“

Spannend wäre es unter diesem Aspekt gewesen, wenn Goethe „Dichtung und Wahrheit“ fortgeschrieben hätte und auf eines der wichtigsten Ereignisse in seinem Leben, die französische Revolution und ihre Folgen eingegangen wäre. Hans Mayer konstatiert kurz und lapidar: „Goethe hat die französische Revolution nicht verstanden.“[3] In dem Kapitel seines Buches „Französische Revolution“[4] erläutert er, warum der ehemalige Stürmer und Dränger die grundlegenden in die Zukunft weisenden Veränderungen durch die französische Revolution nicht verstanden hat. „Allein er verstand den Untergang des Ancien Régime.“[5] In Texten wie dem Bürgergeneral und den Aufgeregten sehe Goethe die Revolutionäre nur als Dummköpfe oder Schurken. Auch das geplante Trauerspiel mit dem Titel Die natürliche Tochter bleibt Fragment.[6]

Der Geheimrat (Foto: HB)

Angestoßen zu der Posse Bürgergeneral wurde Goethe während seiner Teilnahme an der Campagne in Frankreich. In der Einleitung zum Bürgergeneral weißt der Herausgeber Rainer Wild ausführlich darauf hin, dass die Stücke des Bürgergenerals und Der Aufgeregten dazu dienen sollten, dem Übergreifen der französischen Revolution auf Deutschland entgegenzuwirken.[7] Hans Mayer hält für alle drei Stücke zusammenfassend fest:
„Goethes Auseinandersetzung mit der Revolution mißlingt wegen einer Begrenzung der Reflexion auf Immanenz und Negativität. Der bürgerliche Aufklärer Goethe bekommt Dialektik der Aufklärung zu spüren: das Phänomen verweigert sich einem Denken und Handeln, das lediglich auf den höfisch-bürgerlichen Kompromiss ausgeht, nicht jedoch auf Machtergreifung.“[8]

Die Auseinandersetzung mit der französischen Revolution in seinen Dramen misslingt Goethe. Er ist nicht auf der Höhe der Zeit und der gesellschaftlichen Entwicklung. Einen weitergehenden Versuch startet er mit zwei Beiträgen in Schillers Horen. Gleich im ersten Heft des Jahrgangs 1795 erscheint der Beginn der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.[9]Es dreht sich um die Flucht der Baronesse von C. mit Angehörigen und Verwandten über den Rhein um sich vor den Franzosen in Sicherheit zu bringen. Der Beitrag erscheint nicht unter Goethes Namen sondern anonym. Schiller ist damit einverstanden, auch wenn die neuere Forschung inzwischen konstatiert, dass es sich mit dieser Erzählung um einen Gegenentwurf zu Schiller Ästhetischen Briefen verhält.[10] Schiller hatte sich im Juni 1794 schriftlich an Goethe gewandt und ihn um Mitarbeit an den Horen gebeten. Goethe sagt zu und damit beginnt die Zusammenarbeit der beiden, die sich nicht nur in zahlreichen Begegnungen, sondern auch in einem umfangreichen Briefwechsel niederschlägt, der  vom 13. Juni 1794 bis zum April 1805 dauert.[11] In diesem Zeitraum entsteht das, was man im Nachhinein als „Weimarer Klassik“ bezeichnet hat.

Das Dichterpaar vor dem Theaterhaus (Foto: HB)

Der Anfang der Zusammenarbeit gestaltet sich aber durchaus nicht leicht. Die Ankündigung Schillers zu den Horen hatte darauf abgezielt, die politischen Zeitläufte außen vor zu lassen. Mit der Rahmenhandlung der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter, die eine Erzählungssammlung ist, spart Goethe aber nicht an Ausführungen, die dem Übergreifen der französischen Revolution auf Deutschland aus seiner Sicht entgegenstanden bzw. entgegenstehen sollten. Den Höhepunkt und Schluss dieser Horen-Beiträge bildet das Märchen. Es hat mit der Revolution ebensoviel zu tun wie mit Goethes Kritik am »alten System«. Während die Einschätzung der Leserinnen und Leser zu den Unterhaltungen durchaus zwiespältig war, wurde das Märchen als Abschluß der Reihe nachdrücklich begrüßt und gewürdigt. Es gefiel laut Hans Mayer auch Schiller sehr, besonders in dem Ausdruck eines Kernsatzes, der von „dem Alten“ – einer Hauptperson im Märchen – gesprochen wird, als für die im Märchen zusammenwirkenden Personen alles verloren erscheint. Der Alte sagt: »Ob ich helfen kann, weiß ich nicht, ein einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt.«[12]

Die Fortsetzung seiner deutschen Lösungsstrategie für die Folgen der Revolution schreibt Goethe dann mit Herrman und Dorothea[13]erschienen 1798. In der Einleitung des Herausgebers Rainer Wild heiß es dazu: Die allgemeine Bedeutung, die die Erfahrung der Revolution gewonnen hat, ist so zugleich eine Privatisierung. Gerade darin erhält das Epos die Züge der Idylle, wird zum >idyllischen Epos<.[14] In einem Interview, das Hans Bunge mit Hanns Eisler geführt hat, drückte dieser seine jahrelange Beschäftigung mit Herrmann und Dorothea aus. „Vor dem ersten Weltkrieg las ich ihn anders als danach und dann wieder nach „den großen revolutionären Vorgängen in Deutschland“ und der großen Krise des Kapitalismus und dann im Faschismus. In der Emigration las er den Roman „mit großer Begeisterung“ und nach der Rückkehr in Deutschland, nach 1954 „wieder mit neuen Erfahrungen“. In jeder historischen Situation war es für ihn ein anderes aber immer erfreuliches Lesevergnügen.[15] Auch wegen der Sprache Goethes, die sich ja im Vergleich zu früheren Werken gewandelt hat. Was danach folgt sind Die Wahlverwandtschaften, ein Buch Goethes, das bei den meisten Zeitgenossen nicht auf Gegenliebe stieß. Nach Meinung Mayers aber ein „neuer Typ des bürgerlichen Romans“ ist, „und damit die dritte große Selbstbefreiung nach Werther und Tasso.[16] Nicht zu Vergessen dazu die großartige Interpretation des Romans durch Walter Benjamin. Aber das ist ein neues Kapitel.

Heinrich Bleicher

[1] Johann Wolfgang Goethe, Aus meinem Leben – Dichtung und Wahrheit, herausgegeben von Peter Sprengel, Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens, Band 16, München, S. 13. Im Folgenden wird bei Goethezitaten die Münchener Ausgabe verwandt: JWG, Band, Seite.
[2] Hans Mayer, Goethe – Ein Versuch über den Erfolg, Frankfurt am Main 1973, S. 108. Im Folgenden zitiert als H.M., Ein Versuch.
[3] A.a.O., S. 38.
[4] A.a.O., S. 37ff.
[5] A.a.O., S. 38.
[6] JWG Bd. 4.1, und Natürliche Tochter, Bd. 6.1. Wer nicht im Besitz einer Goethe Werkausgabe ist, findet Texte auch auf https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/goethe.html.
[7] JWG, Bd. 4.1, S. 959—964 und S. 971-975.
[8] H.M., Ein Versuch, S. 40.
[9] JWG Bd. 4.1, S. 436-518.
[10] Siehe dazu die Einleitung in JWG, Bd. 4.1, S. 1040 – 1067.
[11] JWG, Bd. 8.1 und 8.2. Der Briefwechsel hat einen Umfang von gut 1000 Seiten im komprimierten Druck.
[12] H.M., Ein Versuch, S. 61.
[13] JWG Bd. 4.1, S. 551-629.
[14] A.a.O., S. 1081.
[15] Hanns Eisler Gespräche mit Hans Bunge in Hanns Eisler Gesammelte Werke, Band 7, Leipzig o.J., S. 115f.
[16] H.M., Ein Versuch, S. 91.